Moi!
Es ist fast langweilig. Fragt man eine Finnin oder einen Finnen, was sie in ihrer Freizeit gerne machen, lautet die Antwort so gut wie immer: Zeit in der Natur verbringen.
Die Finnen lieben ihre Natur. Es ist ja auch genug davon da. Finnland ist etwa so groß wie Deutschland, hat aber nur fünfeinhalb Millionen Einwohner. Da bleibt viel Platz zum Angeln und Pilze sammeln.
Finnlands Natur ist noch recht jung. Geformt wurde die Landschaft von der letzten Eiszeit. Als sich vor zehntausend Jahren die Gletscher zurückzogen, hinterließen sie Furchen und Krater, die sich mit Schmelzwasser füllten – das Labyrinth aus Wald, Seen und Moor war geboren.
Noch ist das Werk nicht vollendet. Finnland hebt sich Jahr für Jahr um knapp einen Zentimeter aus dem Meer. Überhaupt das Meer: In Europa hat nur Norwegen eine längere Küstenlinie. Das zerklüftete Mosaik aus Inseln und Inselchen, die Schären, ist eine eigene Welt.
Sommer am See
In der Natur kommen die Finnen zur Ruhe, in der Natur tanken sie Kraft. Das Verhältnis zur Natur ist fast schon spirituell. So ist das heidnische Mittsommerfest, auf Finnisch juhannus genannt, mindestens so wichtig wie Weihnachten.
Im Sommer steigen viele Finnen nicht in den Flieger, sondern verbringen die Ferien zuhause. Am liebsten in einer einfachen Hütte am See. Dort gehen sie ihren Hobbys nach: Vögel beobachten, Beeren pflücken, Orientierungslauf. Was anderswo als piefig gelten würde, wird hier auch von jungen Menschen mit Begeisterung gepflegt.

Ein Gedanke ist dabei tief verankert: Die Natur gehört allen. Das Jedermannsrecht garantiert, dass man sich frei bewegen darf, egal wem der Wald oder das Land gehört. Es gibt natürlich gewisse Einschränkungen, die aber zum Teil bewusst vage gehalten sind. In Finnland gilt der gesunde Menschenverstand noch etwas.
Für mich war das lange ungewohnt. Ich ertappte mich ständig bei der Frage: Darf ich hier sein? Ist das erlaubt? Inzwischen habe ich gelernt: Zu Fuß und mit dem Rad darf ich auch „private“ Wege nutzen, solange ich respektvollen Abstand zum Haus halte.
Natürlich schätzen auch Finnen das urbane Leben. Landflucht ist ein großes Thema, viele zieht es in die Städte. Diese sind aber so grün, dass sie anderswo als Natur durchgehen würden. Selbst Helsinki, mit seinen Satellitenstädten zur einzigen echten Metropolregion des Landes verschmolzen, wirkt mit seinen Parks, Inselchen und ausgedehnten Waldflächen wie ein Naherholungsgebiet.
Nein, ohne Natur geht es nicht.
Das zeigt sich auch in den Namen. Finnen heißen nicht Müller oder Schmidt, sondern nach Buchten, Inseln oder Felsen. Gerne schwingt dabei auch ein Hauch Poesie mit, etwa bei Metsälampi („Waldweiher“) oder Koivumäki („Birkenhügel“). Beliebte Vornamen sind Marja („Beere“), Otso („Bär“) oder Lumi („Schnee“). Und viele Orte heißen schlicht nach dem See, an dem sie liegen.
Nationalparkliebe
Die Finnen leben nicht nur mit der Natur, sondern auch von ihr. Landwirtschaft spielt auf die Fläche bezogen nur eine kleine Rolle. Nein, Finnlands Kornkammer sind seine Wälder.
Als im 17. Jahrhundert die Schifffahrt boomte, wurden zunächst im Osten und bald im ganzen Land Kiefern gefällt und zu Teer gebrannt. Das Aroma von terva, wie es auf Finnisch heißt, ist bis heute beliebt und findet sich in Produkten von Shampoo bis Saunazusatz.

Mit der Industrialisierung wuchs der Hunger nach Holz rasant. Die zähen nordischen Nadelhölzer eignen sich besonders für die Papierherstellung. Das Papier brachte den Wohlstand und ist bis heute ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Die Schattenseite: Viele alte Wälder wurden abgeholzt, Moore trockengelegt. Inzwischen ist der finnische Wald keine Kohlenstoffsenke mehr.
Ein Bewusstsein für Naturschutz und Nachhaltigkeit wuchs nur langsam. 1938 wurde Finnlands erster Nationalpark eröffnet. Inzwischen sind es über vierzig, dazu kommen weitere Schutzgebiete sowie kulturell und historisch besonders bedeutende Nationallandschaften.
Die Nationalparks sind mein Glücksort.
Praktisch alle meine schönsten Naturerlebnisse verbinde ich mit ihnen. Mit ihren Wanderwegen und Naturzentren bieten sie einen niedrigschwelligen Zugang zur Natur. Natur für alle. Inzwischen wird auch verstärkt auf Barrierefreiheit geachtet.
Seit knapp sechs Jahren arbeite ich an meinem Lebensprojekt: Alle Nationalparks zu besuchen und zu dokumentieren. Wann immer es geht mit öffentlichen Verkehrsmitteln und dem Fahrrad. Manchmal ist es nur eine Fahrt mit dem Stadtbus von Helsinki. Andere Parks sind so abgelegen, dass nach dem letzten Bahnhof noch hundert Kilometer auf dem Rad vor mir liegen.

Die Liebe zur Natur habe ich schnell übernommen. Inzwischen muss auch ich draußen sein, am liebsten jeden Tag. Ob zu Fuß, mit dem Rad oder auf Skiern, Hauptsache in der Natur.
Man könnte es manisch nennen oder sportbesessen. Ich sehe es so: Alltag und Zeit in der Natur sind zwei völlig gleichberechtigte Aspekte dessen, was sich Leben nennt. Das mag dem Konto vielleicht nicht immer guttun. Aber der Seele.
Was machst du an diesem Wochenende? Geh doch mal wieder raus in die Natur. Es lohnt sich.
Bis nächste Woche
Sebastian 👋
P.S.: „Tervetuloa“, wenn du in den letzten Tagen neu zur Post aus Finnland dazugekommen bist! Wenn dich ein bestimmtes Thema interessiert oder du eine Frage hast, schreib mir gerne.
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Und sonst?
Finnlands Landschaften
Finnland, das sind doch bloß Bäume und Seen. So geht ein gängiges Klischee. Wie das immer so ist: Ein Fünkchen Wahrheit steckt drin, denn nirgendwo sonst in Europa gibt es so viel Wasser und so viel Wald. Und doch greift es viel zu kurz. Welche Landschaftsformen dich erwarten und warum dich die Vielfalt der finnischen Natur überraschen könnte, habe ich hier einmal aufgeschrieben.

Lange Tage, kurzer Schlaf
Seit ich vor zwei Wochen meine kleine Abrechnung mit dem finnischen Frühling schrieb, zeigt er sich von seiner besten Seite: fast täglich scheint die Sonne und es ist ungewöhnlich warm.
Was das grelle Licht und die langen Tage mit dem Schlaf machen, berichtet Svenska Yle: Vor allem Abend- und Nachtmenschen haben größere Probleme, in den Schlaf zu finden, während Schule und Job morgens zur gewohnten Zeit beginnen. Zu kurzer Schlaf und „sozialer Jetlag“ sind im Sommer daher verbreitet – paradoxerweise bei insgesamt besserer Stimmung.
Weniger Fleisch
Finnlands neue Ernährungsrichtlinien zeigen Wirkung: Nachdem die Finnische Lebensmittelbehörde 2024 unter anderem die empfohlene Fleischmenge gesenkt hat, greifen viele Menschen offenbar häufiger zu pflanzlichen Alternativen. Laut Branchenverband Pro Vege stieg deren Absatz im vergangenen Jahr um 3,6 Prozent, besonders bei Tofu und Hülsenfrüchten.
In einer Umfrage gaben 15 Prozent der Befragten an, ihre Ernährung bewusst wegen der neuen Empfehlungen umgestellt zu haben. Knapp 40 Prozent zeigen seitdem mehr Interesse an pflanzlicher Kost.
Zug nach Schweden
Ab Juni könnten wieder Personenzüge zwischen Finnland und Schweden rollen. Vergangenen Freitag wurde ein entsprechendes Abkommen unterzeichnet. Geplant sind zunächst zwei tägliche Zugpaare zwischen Oulu und Haparanda, dort besteht Anschluss nach Boden und Luleå. Finnische Züge würden damit erstmals seit der Einstellung des Verkehrs nach St. Petersburg im Jahr 2022 wieder das Land verlassen.
Mehr gute Bahn-Nachrichten: Bereits ab 2027 könnte auch Rauma wieder mit dem Zug erreichbar sein. Bis dahin wird ein neuer Haltepunkt in der Stadt errichtet, an dem künftig Züge aus Tampere halten sollen. Mit seiner gut erhaltenen Holzhaus-Altstadt, die zum UNESCO-Welterbe zählt, ist Rauma ein beliebtes touristisches Ziel.
Sprechen Sie Deutsch?
An finnischen Universitäten ist es zunehmend möglich, Fremdsprachen ohne Vorkenntnisse zu studieren. Der Grund: Kenntnisse anderer Fremdsprachen als Englisch sind in Finnland auf dem Rückzug. Davon ist insbesondere Deutsch betroffen. Während ältere Finnen oft fließend Deutsch sprechen (es aus Bescheidenheit aber nie zugeben würden), sind Deutsch und andere Sprachen wie Französisch und Russisch in der Schule zunehmend unbeliebt.
Wort der Woche 💬
luonto – die Natur
Natürlich hat das Finnische sein ganz eigenes Wort für die Natur. Ursprünglich bezeichnete luonto auch den Charakter einer Person, die „Natur“ des Menschen. Die heutige Bedeutung – Natur als vom Menschen unberührte Umwelt – hat sich erst im 18. Jahrhundert durchgesetzt.
Das Wort begegnet uns auch im finnischen Begriff für Naturschutzgebiet, luonnonpuisto, oder im Namen der Website Luontoon.fi (wörtlich „in die Natur“), auf der die finnische Forstbehörde Naturziele und Wanderwege in ganz Finnland sammelt.