Moi!

Während ich diese Zeilen schreibe, schweift mein Blick über den Fluss. Beste Lage, versteht sich. Ob wohl der Mann wieder kommt und sein Lieblingsstück auf dem Saxophon übt? Aus der Ferne rattert eine Nähmaschine. Im Stockwerk unter mir haben es sich Leute in den Sesseln gemütlich gemacht und lesen im neuesten Roman.

Ich bin in der Stadtbibliothek von Turku.

Die Bibliotheken sind, neben der Natur, mein Lieblingsort in Finnland. Es hat ein bisschen gedauert, bis ich sie für mich entdeckt habe. Als ich das erste Mal vor Oodi stand, der neuen Zentralbibliothek von Helsinki, habe ich noch gezögert, reinzugehen – ich fühlte mich nicht angemessen gekleidet. Ha ha!

Bibliothek Oodi in Helsinki von außen
Oodi von innen
Oodi, die zentrale öffentliche Bibliothek in Helsinki

Inzwischen weiß ich: Finnlands Bibliotheken sind kein elitärer Ort, sondern das genaue Gegenteil. Es sind öffentliche Wohnzimmer. Ein Anbau ans eigene Zuhause, in dem zufällig ein paar mehr Bücher herumstehen.

Und das Beste: All das kostet keinen Cent.

Bibliotheken überall

Dass Finnlands Bibliotheken so großartig sind, ist kein Zufall. Seit fast hundert Jahren gibt es das Bibliotheksgesetz. Es schreibt vor, dass jede Kommune eine Bibliothek haben muss – mit zeitgemäßer Ausstattung und hoch ausgebildetem Personal. Und: offen für alle und kostenlos. Eine nationale Strategie für Zugang zu Bildung und Kultur.

Die Sache mit der Bildung wurde anfangs noch sehr ernst genommen. Für jeden Roman, den sich ein Bücherwurm auslieh (auf Finnisch lukutoukka, wörtlich „Leselarve“), musste er oder sie stets auch ein Sachbuch mitnehmen.

Bücherregal aus Holz, darüber ein Kunstwerk auf Betonwand
Bücher und Kunst in der Stadtbibliothek von Oulu

Inzwischen sind es längst nicht nur Bücher, die man in den finnischen Bibliotheken bekommt. Es gibt Zeitungen und Magazine, Schallplatten und Filme, Instrumente und Sportgeräte. Dazu Handarbeitsräume mit Nähmaschinen. 3D-Drucker. Und wer mag, kann auch Karten fürs Theater oder die Eishockeyhalle ausleihen.

Die Bibliotheken brachten das Wissen der Welt zu den Menschen. In den 1960er Jahren gab es 4.000 Bibliotheken in Finnland – eine pro Tausend Einwohner. Heute sind es noch etwa 700.

Was Mitteleuropa seine Kirchen, sind in Finnland die Bibliotheken: ikonische Bauten im Herzen der Stadt. Die Nationalbibliothek am Senatsplatz von Helsinki. Die Aalto-Bibliothek in Seinäjoki. Oder unsere Bibliothek von Turku, die sich wunderschön in den alten Stadtkern einfügt. Egal, wo man ist, es lohnt sich eigentlich immer, einen Blick in die Bibliothek zu werfen.

Backsteingebäude der Universitätsbibliothek der Åbo Akademi Turku
Entschuldigung, wo geht's denn hier zur Bibliothek?

Aber es sind nicht nur die großen und die prächtigen. Allein Turku hat zehn Stadtteilbibliotheken. Als ich einmal ein Finnischbuch brauchte, konnte ich das abends noch in meiner kleinen Bibliothek um die Ecke abholen. Die Servicezeit war schon vorbei, aber mit meiner Bibliothekskarte hatte ich trotzdem Zutritt und konnte das Buch vollautomatisch ausleihen.

Dazu kommen über 100 Bücherbusse in Finnland. Diese tingeln nicht nur zu entlegenen Dörfern in Lappland, sondern sind auch in den größeren Städten unterwegs. Etwa zu Pflegeheimen, um diejenigen, die nicht mehr so mobil sind, mit Lesestoff zu versorgen.

Land der Bücherwürmer

Kein Wunder, dass Finnland zu den lesefleißigsten Ländern zählt. Neun von zehn Menschen lesen in ihrer Freizeit gerne Bücher, am liebsten immer noch ganz klassisch gedruckt auf Papier. Und die meisten davon kommen aus der Bibliothek; im Schnitt leiht jeder Finne und jede Finnin ein Buch pro Monat.

Wenn ich gleich eine Pause mache, zum Mittagessen und einen kleinen Spaziergang, komme ich durch den Lesesaal. Da sitzen sie dann, in den gemütlichen Sesseln, hinter ihren Zeitungen. Zugegeben: Es sind vor allem ältere Semester. Aber dass die Papierzeitung keinen Wert mehr hätte, darüber kann ich in diesen Momenten nur müde lächeln.

Glasfenster des modernen Anbaus der Bibliothek Turku
Auch abends wird in der Bibliothek noch fleißig gearbeitet

Auch ich liebe es, eine Zeitung aus dem Regal zu fischen und zu schauen, wie viel ich inzwischen verstehe. Und jedes Mal denke ich: Man verbringt viel zu viel Zeit am Smartphone und Computer.

Natürlich haben auch Kids ihren ganz eigenen Bereich. Hier kann nach Lust und Laune gelesen, gespielt und gepuzzelt werden. Für die Größeren gibt es einen Extraraum, in dem sie auch mal die Tür hinter sich zumachen können. Und wer einen Stream oder Podcast aufnehmen möchte, kann sich dafür sogar das Equipment ausleihen.

Die Bibliotheken sind der am häufigsten genutzte Kulturdienst in Finnland. Sie sind tief in der Gesellschaft verwurzelt, äußerst beliebt und schlicht: Alltag. Und dabei benötigen sie weniger als ein Prozent der städtischen Budgets.

Man kann darüber streiten, ob es sinnvoll ist, zu vergleichen, was Länder besser oder schlechter machen. Aber was Bibliotheken betrifft, da bin ich mir sicher, macht Finnland sehr viel richtig.

In dieser Woche ist übrigens Lesewoche in Finnland. Ich glaube, ich bleibe noch ein bisschen sitzen. Und wenn du mal in Finnland bist: Schau doch auch in einer Bibliothek vorbei.

Bis nächste Woche
Sebastian 👋

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Und sonst?

Finnlands längste Brücke

Das neueste ikonische Bauwerk von Helsinki wurde am Wochenende eröffnet: die Kruunuvuorensilta, mit 1,2 Kilometern von nun an die längste Brücke Finnlands. Die Hängebrücke ist ausschließlich für Straßenbahnen sowie Rad- und Fußverkehr ausgelegt, Autos sind nicht vorgesehen. Zudem ist sie für eine außergewöhnlich lange Lebensdauer von rund 200 Jahren konzipiert.

Die Brücke ist Teil einer neuen Tramverbindung vom Stadtzentrum über die Insel Korkeasaari in den Stadtteil Laajasalo. Der Betrieb soll im Laufe des Jahres 2027 starten.

Finland’s longest bridge opens to pedestrians on Saturday
Helsinki’s new Crown Bridges will fully open to pedestrians at 2pm on Saturday and to cyclists at 5pm.

Die große Elchwanderung

Es ist wieder Zeit für einen Klassiker des „Slow TV“: Über zwei Wochen begleitet das schwedische Fernsehen (SVT) Elche auf ihrer Wanderung aus den Winterquartieren – und Millionen Menschen sitzen dabei vor dem Bildschirm. „Die große Elchwanderung“ erfreut sich nicht nur in Schweden, sondern auch in Finnland und inzwischen weit darüber hinaus großer Beliebtheit.

Die Sendung läuft noch bis zum 10. Mai. Bei SVT Play gibt es einen Livestream ohne Geoblocking.

Beliebteste Vornamen

Olivia und Eino waren 2025 die beliebtesten Vornamen für Neugeborene in Finnland. Auf den Plätzen zwei und drei folgen bei den Mädchen Linnea und Aino sowie bei den Jungen Leo und Elias. Unter Schwedischsprachigen lagen Saga und Edvin vorn, in anderssprachigen Familien waren Sofia und Muhammad am häufigsten. Die Liste der 50 beliebtesten Vornamen wird jedes Jahr im April von der Agentur für Digital- und Einwohnermeldedaten veröffentlicht.

Die Bären sind los

Finnlands Bären erwachen aus dem Winterschlaf. Weil sie dann besonders hungrig sind, kommen sie im Frühjahr auch mal näher an menschlichen Siedlungen heran als üblich. Die Polizei rät: keine Essensreste herumliegen lassen, Mülltonnen geschlossen halten. Und falls doch einmal ein Bär im Garten auftaucht und sich auffällig verhält, sollte man lieber den Notruf wählen und die Sichtung der Finnischen Wildtier-Behörde melden.

In Finnlands Wäldern leben rund 2.000 Braunbären. Begegnungen mit Menschen sind trotzdem sehr selten.

Trauer um Naturfilmer

Finnland trauert um den Natur- und Wanderfilmer Ali Leiniö, der überraschend im Alter von nur 49 Jahren gestorben ist. Mit seinen ruhigen Videos aus den Nationalparks und der Wildnis Lapplands erreichte er auf YouTube Hunderttausende. Laut der Zeitung Helsingin Sanomat starb er bereits Anfang April bei einer Skitour in Nordfinnland an einem Herzinfarkt.

Leiniö hinterlässt ein Archiv an Videos, die durch seine klare, ruhige Art zu sprechen auch für Finnischlernende geeignet sind.

Wort der Woche 💬

kirjasto – die Bibliothek, die Bücherei

Das finnische Wort für Bibliothek ist ein gutes Beispiel dafür, wie produktiv die finnische Sprache ist. Es setzt sich aus kirja („Buch“) und dem Suffix -sto zusammen, das einen Ort bezeichnet. Die Bibliothek ist also wörtlich ein „Buchort“, womit die Sache ja ziemlich treffend beschrieben wäre.

Weitere Wörter, die sich vom selben Wortstamm ableiten, sind kirjoittaa („schreiben“), kirje („Brief“) und kirjailija („Schriftsteller:in“). Möchte man also sagen, dass eine Schriftstellerin, die ein Buch verfasst hat, in der Bibliothek einen Brief schreibt, hieße das auf Finnisch:

Kirjan kirjoittanut kirjailija kirjoittaa kirjettä kirjastossa.