Moi!
Wie war der Frühling in Finnland? Oh, sehr schön. In diesem Jahr fiel er auf einen Donnerstag.
Mit den Jahreszeiten in Finnland ist es so eine Sache. Ich liebe sie eigentlich alle. Den Sommer mit seinen endlosen Tagen. Den Herbst mit seinem Feuerwerk der Farben. Und natürlich den Winter, meine erste große Liebe, die mich überhaupt erst nach Finnland gebracht hat.
Aber dann ist da noch der Frühling.
Finnland und Frühling, das ist kompliziert. Natürlich, im Kalender steht er auch hier. Aber der finnische Frühling hat wenig mit dem zu tun, was du aus Mitteleuropa gewohnt bist.
Zwei Gesichter
Finnland ist im Frühling zweigeteilt. Der Norden liegt im März und April noch unter einer dicken Schneedecke. Die Tage sind aber schon wieder richtig lang, die Temperaturen angenehm. Frühlingswinter heißt diese Zeit, und sie ist besonders beliebt zum Skilaufen. Wann sonst kann man schon mit Sonnenbrille und T-Shirt in die Loipe gehen?
Bei uns im Süden dagegen … Inzwischen schmilzt der Schnee meist schon im März. Sein blaues Band lässt der Frühling deswegen aber noch lange nicht. Ist die weiße Decke einmal verschwunden, kommt eine trostlose Landschaft zum Vorschein, die nur eine Farbe kennt: braun, braun, braun.
Besonders gemein: Die Sonne strahlt oft schon mit voller Kraft vom Himmel und lockt einen nach draußen. Mitten in die Falle. Oh, wie oft ich da schon reingetappt bin! Ich stehe dann da in meinen dünnen Fahrradklamotten – und der eisige Wind, der immer weht, weil es noch kein Blatt gibt, das ihn aufhalten könnte, pustet mich fast um.
Und als wäre das nicht genug, wirbelt er auch noch den Sand durch die Luft, der mit dem Splitt noch überall herumliegt. Es dauert, bis das alles wieder eingesammelt ist und die Straßen gereinigt sind. Finnischer Frühling in einer Handbewegung? Augenreiben.
Kein Frühling vor Mai
Viele in Finnland fürchten den November. Ich nicht. Wo ist der November schon schön? Okay, auf Sizilien vielleicht, aber auch da plumpst die Sonne am Nachmittag schon wieder ins Meer. Mein Hassmonat ist der April. Wenn man in Deutschland im Biergarten sitzt und den ersten Spargel isst – und hier einfach noch nichts wachsen will.
Nein, kein Frühling vor Mai. Das muss man sich in Finnland immer wieder eintrichtern, egal wie verlockend die Sonne durchs Fenster scheint. Und bevor es so weit ist, kommen noch ein paar Runden takatalvi – ein plötzlicher Wintereinbruch, wenn man nicht mehr damit rechnet. Weil optimistische Gemüter schon auf Sommerreifen gewechselt haben, kommt es dann selbst hier zum Verkehrschaos.
Die Finnen nehmen es pragmatisch. Zu Ostern stellen sie alles mit Narzissen voll, um wenigstens die Illusion von Frühling zu erwecken. Und an Vappu, dem verrückten Fest zum 1. Mai, sitzen sie dann bei drei Grad und Schneeregen im Park. Denn Vappu wird draußen gefeiert, komme, was wolle.
Doch dann, wenn man fast schon aufgegeben hat und beginnt, seine Lebensentscheidungen zu hinterfragen, passiert es.
Alles explodiert
Quasi über Nacht explodiert die Natur. Alles blüht und sprießt, es summt und brummt. Und endlich ist sie da, die Farbe Grün, an deren Existenz man schon gezweifelt hatte. Es ist wie mit der Ketchupflasche, an der man ewig klopft und drückt – und dann kommt alles auf einmal.

Das Beste: Es ist ein kurzer, intensiver Rausch, auf den kein Kater folgt, sondern ein wunderbarer Sommer. Wie zur Entschuldigung sind die Tage nun so lang, dass sie doppelt zählen. Das Tal der Tränen, durch das man gehen musste, hat man längst wieder vergessen. Hach.
Bis es so weit ist, dauert es noch ein paar Wochen. Ich werde noch manches Mal fluchen, weil die Sonne mich wieder hinters Licht geführt hat und ich mit eisigen Fingern auf dem Rad sitze.
Hier kommt mein Vorschlag: Wenn du irgendwo eine Blume siehst und saftig grünes Gras – denk an Finnland und freu dich einfach für uns mit.
Bis nächste Woche
Sebastian 👋
Wort der Woche 💬
kevät – der Frühling, das Frühjahr
Kommen wir zum Schluss noch einmal zurück zum Frühling. Wie es meistens bei Naturbegriffen der Fall ist, ist sein finnischer Name ein altes, proto-finnisches Wort. Im Estnischen, das eng mit dem Finnischen verwandt ist, heißt er kevad.
Ein weiteres, nicht mehr gebräuchliches Wort für den Frühling ist touko. Es lebt weiter im Namen des Monats Mai, toukokuu. Womit wir wieder bei der Ausgangsthese wären: Kein Frühling vor Mai 🙂
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