Moi!

Ich sitze mal wieder in der Bibliothek. Wenn ich gleich kurz wohin muss, werde ich meinen Laptop und mein Zeug einfach liegen lassen. Wenn ich zum Essen in die Uni-Mensa gehe, lasse ich meinen Rucksack mit Wertsachen einfach an der Garderobe. Und wenn ich auf dem Weg nach Hause noch am Supermarkt halte, lehne ich mein Fahrrad einfach an die Wand, statt es abzuschließen.

Man könnte das leichtsinnig nennen. Aber in Finnland ist das: normal.

Finnland ist ein Land, in dem die Menschen sich noch weitgehend untereinander vertrauen. Das heißt nicht, dass es in Finnland keine Kriminalität gibt. Man muss nur nicht hinter jeder Ecke gleich ein Unheil befürchten.

Aber Vertrauen ist mehr, als zu wissen, dass mir wahrscheinlich niemand meinen Kram klaut oder auf der Straße eins überzieht. Es ist eher eine Art gesellschaftliches Agreement: Wir kennen uns. Wir wissen ungefähr, wie wir uns benehmen. Warum sollten wir uns gegenseitig schaden? Das ergibt doch keinen Sinn.

Finnen sind fast schon rührend ehrlich. Das Magazin Reader’s Digest hat einmal einen Test gemacht und in Städten auf der ganzen Welt absichtlich Portemonnaies verloren. In Helsinki wurden elf von zwölf zurückgegeben. In Berlin waren es sechs. Und in Lissabon nur eins.

Du vertraust mir, ich vertraue dir

Vertrauen ist eine wechselseitige Beziehung. Vertraust du mir, vertraue ich dir. Das gilt nicht nur unter Menschen, sondern auch im Verhältnis zum Staat und seinen Institutionen.

In Finnland muss ich nicht ständig beweisen, dass ich mich korrekt verhalte. Stattdessen wird grundsätzlich erst einmal davon ausgegangen. Warum auch nicht? Solange kein Anlass besteht, etwas anderes anzunehmen, können wir uns alle viel Arbeit sparen.

Weiße Blüten
Irgendwann blüht dann doch alles, man muss nur vertrauen

Ob beim Finanzamt, bei der Einwohnerbehörde oder der Polizei: Überall habe ich zunächst einmal das Gefühl, dass man versucht, Prozesse so reibungslos wie möglich zu gestalten. Und dann treffe ich fast immer auf Menschen, die mir auf Augenhöhe begegnen. Die versuchen, mir zu helfen.

Ich muss nicht jeden Kleinscheiß belegen. Nicht ständig Dokumente und Zeugnisse auf den Tisch legen. Was ich sage, wird mir erst einmal geglaubt. Das Wort gilt noch etwas.

Bei mir hat das einen klaren Effekt: Ich fühle mich nicht wie ein Schuljunge behandelt, sondern wertgeschätzt und respektiert. In Deutschland war das nicht immer so. Ich erinnere mich an manchen Behördengang, nach dem ich mich ziemlich klein gefühlt habe.

Schön blöd, könntest du jetzt sagen. Das lässt sich ja super ausnutzen.

Aber bei mir passiert genau das Gegenteil: Gerade weil man mir vertraut, will ich dieses Vertrauen nicht enttäuschen. Ich achte penibel darauf, alles richtig zu machen. Ich will den Vertrauensvorschuss zurückzahlen, und zwar auf den Cent genau.

Urvertrauen und Glück

Bei uns zuhause stand immer dieses Buch: „Die 1000 besten Steuertricks“. Ich glaube, in Finnland wäre das kein Verkaufsschlager. Und zwar nicht nur, weil es weniger Schlupflöcher gibt.

Hier in Turku stimmen wir gerade über das „Bürgerbudget“ ab. Drei Millionen Euro für Projekte, die von Bürgerinnen und Bürgern vorgeschlagen wurden. Von einer digitalen Anzeige neben der Langlaufloipe bis zur Schaffung eines Gesangsfestivals im Park.

Es mögen zwar nur Kleinigkeiten sein, im Alltag können sie aber durchaus einen Unterschied machen. Und man bekommt das Gefühl, hier passiert etwas mit meinem Geld.

Finnen wissen: Ist alles gut, lässt der Staat sie in Ruhe. Und wenn es mal nicht so gut läuft, ist da ein soziales Netz, das sie auffängt. Letzteres bröckelt zwar auch hier in den letzten Jahren. Aber verglichen mit anderen Ländern ist es immer noch stark.

Dieses Urvertrauen hat auch damit zu tun, warum Finnland Jahr für Jahr den Weltglücksreport anführt. Glück heißt nicht, ständig mit einem dicken Grinsen durch die Straßen zu laufen. Sondern zu wissen, dass es im Großen und Ganzen schon wieder gut werden wird.

Gravelbike an Hauswand
Toi, toi, toi, bislang ist mir noch kein Fahrrad weggekommen

Woher kommt dieses Vertrauen? Sind Finnen einfach bessere Menschen? Unwahrscheinlich.

Eine Theorie: Finnland ist ein kleines Land, und es gibt eine soziale Kontrolle. Wenn zwei Finnen sich treffen, versuchen sie erst einmal herauszufinden, welche gemeinsamen Bekannten sie haben. Paananen, ist das nicht der Bootsbetrüger? Wer es einmal versucht, hat seinen Ruf schnell ruiniert.

Doch auch Finnland ist keine Insel der Glückseligkeit. Vertrauen erodiert auch hier, wenn auch auf hohem Niveau. Besonders stark gesunken ist das Vertrauen in die Zukunft. Finnland ist ein Teil dieser Welt, und die gerät nun mal immer mehr aus den Fugen.

Vielleicht sollten wir gerade deswegen im Kleinen dagegenhalten. Ich werde jedenfalls auch weiter meine Sachen herumliegen lassen. Eines Tages falle ich damit sicher mal auf die Nase. Aber dann habe ich wenigstens meinen Mitmenschen gezeigt, dass ich ihnen vertraue.

Wie wär’s: Geh doch auch mal nicht gleich vom Schlimmsten aus.

Bis nächste Woche
Sebastian 👋

PS: Wenn du mir ein paar Euro über Ko-fi.com anvertraust, liefere ich hier weiterhin Ansichten aus Finnland. Vertrauenssache!


Und sonst?

Turku vor Tram-Beschluss

Es wird ernst: Am Montag, 18. Mai, entscheidet der Stadtrat von Turku über den Bau einer Straßenbahn. Nach Helsinki und Tampere könnte Turku damit die dritte Stadt Finnlands mit Tram werden. Es wird ein äußerst knappes Ergebnis der Abstimmung erwartet. Berechnungen des finnischen Rundfunks zufolge haben die Gegner der Straßenbahn derzeit leicht die Nase vorn. Vorausgegangen ist eine jahrelange, umkämpfte Debatte mit viel Lobbyarbeit gegen den Bau.

Turku wächst stark und braucht neue Konzepte für den öffentlichen Verkehr. Wird die Tram abgelehnt, gehen weitere zwei bis fünf Jahre ins Land, um Alternativen mit Bussen zu prüfen.

Homepage - Turun raitiotie
The Port-Varissuo tramway is part of the growing city’s public transport reform, which will ensure that everyday life and mobility in Turku will continue to run smoothly in the future.

Drohnenalarm in Helsinki

In Helsinki und Umgebung wurden heute viele von einer Warnmeldung auf dem Handy geweckt: Eine möglicherweise gefährliche Drohne war im Luftraum gesichtet worden. Die Bevölkerung wurde aufgefordert, zu Hause zu bleiben, der Flugverkehr zeitweise eingestellt. Gegen 7 Uhr dann die Entwarnung: keine akute Gefahr. Ministerpräsident Petteri Orpo sagte auf einer Pressekonferenz, es sei unter keinen Umständen akzeptabel, dass sich Drohnen nach Finnland verirren.

In den vergangenen Wochen war es bereits zu Drohnenabstürzen in Südostfinnland gekommen. Wahrscheinlich ist, dass die Drohnen aus der Ukraine stammen und auf dem Weg nach Russland vom Kurs abkamen.

Finnland schlägt Deutschland

Heute ist die Eishockey-WM in der Schweiz gestartet. Finnland trat gleich im Eröffnungsspiel an – und zwar gegen Deutschland. Das Spiel ging 3:1 für Finnland aus, das damit in der Gruppe A gute Chancen aufs Weiterkommen hat. Aber noch ist auch für Deutschland nichts verloren: Die besten vier Mannschaften aus den beiden Gruppen ziehen in die K.o.-Runde ein. Das Finale steigt am 31. Mai in Zürich.

Alkoholkonsum sinkt weiter

„Trinken wie ein Finne“ – dieses Klischee könnte bald der Vergangenheit angehören. Obwohl Alkoholika bis acht Prozent seit zwei Jahren im Supermarkt erhältlich sind, geht der Alkoholkonsum in Finnland weiter zurück. Damit hat sich die Befürchtung, die größere Verfügbarkeit von leichten Weinen und Mischgetränken könnte den Konsum wieder ankurbeln, bisher nicht bestätigt.

Inzwischen gibt es in finnischen Geschäften und Bars eine breite Auswahl an alkoholfreien Alternativen. Nicht zu trinken ist deutlich weniger stigmatisiert als noch vor einigen Jahren.

Wort der Woche 💬

luottamus – das Vertrauen

Das Wort für Vertrauen ist ein Beispiel dafür, wie im Finnischen Substantive gebildet werden können. Es kommt vom Verb luottaa („vertrauen“), an das die Endung -mus angehängt wird. Weitere solche mus-Wörter sind sopimus („Vertrag“, von sopia), kertomus („Bericht“, von kertoa) und hakemus („Antrag“, von hakea).

Synonym wird manchnal auch luotto verwendet, was eigentlich einen Bankkredit bezeichnet. Der Ursprung dieser Wörter ist nicht genau bekannt. Fest steht nur: Sie gehen auf einen alten, proto-finnischen Begriff zurück – was darauf schließen lässt, dass Vertrauen schon immer eine wichtige Rolle gespielt hat.

Ein Ausdruck für Kontrolle ist übrigens kontrolli. Keine Ahnung, warum man ausgerechnet dafür ein deutsches Lehnwort benutzt. 🙂