Moi!

Die Menge zieht sich den Hügel bis zum Kunstmuseum hinauf. Fast alle haben eine weiße Kappe dabei. Hier und da ploppt ein Sektkorken. Es spielt Musik, dann werden Reden gehalten. Immer wieder wird zustimmend mit den Kappen gewedelt.

Dann, Punkt 18 Uhr, ist es so weit: Das Kommando „Lakki päähän!“ ertönt – und Tausende setzen sich die Mütze auf den Kopf, jubeln, liegen sich in den Armen.

So beginnt am Vorabend des 1. Mai in Turku und vielen anderen Städten Finnlands Vappu, das wohl verrückteste Fest des Jahres. Was ist Vappu? Um das wirklich zu verstehen, muss man hier aufgewachsen sein oder zumindest studiert haben. Ich gebe mein Bestes …

Zwei junge Frauen mit Vappu-Ausstattung an einer Hauswand
Mütze, Luftballon, Sekt – und ab in den Park!

Nüchtern betrachtet ist Vappu das Fest zum 1. Mai. Ein Fest des Frühlings, der Studierenden und der Arbeit. Aber Vappu und nüchtern – das sind zwei Dinge, die selten in einem Satz vorkommen.

Wenn du aus dem Rheinland kommst: Vappu lässt sich am ehesten mit Karneval vergleichen. Für eineinhalb Tage steht das öffentliche Leben einfach mal komplett still, und die Menschen ziehen durch die Straßen und Parks. Manche verkleidet, zumindest mit Luftschlangen um den Hals, und fast alle mit der besagten weißen Mütze.

Weiße Mützen überall

Auf Finnisch heißt die Mütze lakki und ist traditionell eine Studentenmütze. Während diese im deutschsprachigen Raum heute nur noch von Studentenverbindungen getragen werden und damit ein, na ja, gewisses Geschmäckle haben, ist das in Finnland ganz anders.

Mütze auf! Turku kurz nach dem feierlichen Moment

Historisch trugen tatsächlich nur (männliche) Studenten der Universität Helsinki eine solche Mütze. Ziemlich elitär also. Doch bald durften sie auch Frauen tragen, dann Absolventinnen und Absolventen des Gymnasiums und schließlich auch Menschen mit beruflicher Ausbildung.

Praktisch gesehen kann heute jeder in Finnland, der irgendeine Form von Bildung durchlaufen hat, die Studentenmütze tragen. Und abgesehen davon kann man sie auch ganz einfach im Supermarkt kaufen.

Es geht also längst nicht mehr um Abgrenzung, sondern um Tradition und Gemeinschaft.

Mann mit Studentenmütze und zwei Hunden
Vappu, ein Spaß für die ganze Familie

Über Bommel, Abzeichen und Farben auf der Innenseite lässt sich ablesen, ob jemand Finnisch oder Schwedisch spricht, was er oder sie studiert hat oder welcher Berufsgruppe er oder sie angehört. Das Ganze ist eine Wissenschaft für sich. Es gibt sogar ein Quiz, in dem man sein Wissen über die Studentenmützen testen kann.

Rituale und Traditionen

Zuvorderst sind es die Studierenden, die das Bild an Vappu prägen. In ihren bunten Overalls – je nach Studienort und Fachrichtung – mit den vielen Aufnähern ziehen sie durch die Straßen.

Studierende mit Overalls und Fahnen
Studierende mit ihren Overalls ziehen durch die Stadt

In jeder Stadt haben sie ihre eigenen Rituale: In Tampere werden Erstsemester in den Tammerkoski-Stromschnellen „getauft“. In Helsinki bekommt die Havis Amanda am Marktplatz zuerst eine Dusche und dann eine riesige Mütze aufgesetzt. Und hier in Turku werden einer Statue von angehenden Zahnmedizinern die Zähne geputzt.

Dabei sein kann jeder und sich für einen Tag wieder jung fühlen. Ein besonderer Anblick sind die über Jahrzehnte in Ehren vergilbten und von vielen Flecken überzogenen Studentenmützen, die von so mancher Feier erzählen könnten.

Aber Vappu hat noch mehr Dimensionen. Auch in Finnland ist der 1. Mai der Tag der Arbeit und damit ein politischer Feiertag. Es gibt Aufmärsche und Reden an zentralen Plätzen. Gewerkschaften verteilen Popcorn und Würstchen. Und selbst Parteivorsitzende kann man ganz entspannt für ein Foto treffen.

Person mit Luftballons der Partei SDP, im Hintergrund ein Redner
Während die einen politischen Reden lauschen …
Luftballons vor der orthodoxen Kirche von Turku
… feiern die anderen auf dem Marktplatz Rummel

In diesem Jahr haben die politischen Veranstaltungen wieder deutlich größeren Zulauf gefunden. Ob es am guten Wetter lag oder an der nicht gerade beliebten aktuellen Regierung, ist nicht bekannt.

Und schließlich ist Vappu auch ganz einfach ein Volksfest. Kinder kommen verkleidet zur Schule, auf dem Marktplatz gibt es Blasmusik und Dosenwerfen.

Picknick im Park

Das vielleicht Schönste an Vappu? Das Picknick! Hat man sich von den Feierlichkeiten am Vorabend erholt, packt man den Picknickkorb und zieht in den nächsten Park.

Nicht fehlen dürfen dabei sima, der finnische Honigwein, der in vielen Familien noch selbst angesetzt wird, und tippaleipä, ein frittierter Spritzkuchen. Und wenn es dann noch einen frischen, gerade noch warmen munkki gibt, ist das Vappu-Vergnügen perfekt.

Flasche mit sima und tippaleipä auf einem Teller
Sima und tippaleipä gehört zu den Klassikern an Vappu

An der Stelle müssen wir noch kurz über das Wetter reden. Der „Frühling“ zeigt sich zu Vappu gerne noch einmal von seiner garstigen Seite. Bei +2 Grad und Schneeregen im Park zu sitzen gehört fast schon zur guten Tradition.

Dieses Jahr hatten wir allerdings unverschämtes Glück: Mit knapp 20 Grad war es geradezu frühsommerlich warm. Und von heute auf morgen ist die Natur explodiert. Das Mantra Kein Frühling vor Mai hat sich (gerade so) mal wieder bewahrheitet.

Mich kriegt man eigentlich immer über die Musik. Nachdem uns im letzten Jahr der famose Indie-Künstler Arppa begeistert hat, sind wir auch gestern wieder mit unserer Decke in den Park am Observatorium gepilgert. Dort waren wir mit Hunderten anderen, um unser Mai-Picknick zu genießen und diesmal finnischem Bossa Nova zu lauschen. Es war wunderbar und herrlich entspannt.

Auch wenn ich Vappu immer noch nicht komplett verstehe, mag ich es inzwischen richtig gern. Denn das ist das Gute: Jeder kann es auf seine ganz eigene Art feiern.

Wenn du Finnland einmal aus einem ganz anderen Winkel kennenlernen möchtest, komm doch auch zu Vappu. Du wirst es nicht vergessen, so viel steht fest.

Bis nächste Woche
Sebastian 👋

P.S.: Danke an Karin, Aileen und Peter, die mir als erste einen Kaffee ausgegeben haben. Wenn du die Post aus Finnland auch unterstützen möchtest, kannst du das auf Ko-fi.com tun. Kiitos!


Und sonst?

Feiern wie die Finnen

Wie du siehst: Vappu ist schon ein Fest für sich. Aber wie sieht es eigentlich mit den anderen Feiertagen in Finnland aus? Welche Unterschiede und Gemeinsamkeiten gibt es zum deutschsprachigen Raum? Die wichtigsten Feste und wie man sie traditionell begeht, habe ich hier einmal zusammengestellt.

Feste und Feiertage in Finnland
Feiern wie die Finnen: Die wichtigsten finnischen Feste und Feiertage – und wie sie traditionell begangen werden.

Finnisch lernen geht viral

Finnisch lernen ist kein Spaziergang, sondern ein Marathon – nach dem man noch mal 300 Kilometer mit dem Rad fährt. Vielleicht gehen gerade deshalb immer mehr Videos von Finnischlernenden auf Social Media viral. Gemeinsam kämpft es sich leichter durch das Dickicht aus Fällen und langen Wortungetümen.

Der Yle-Podcast All Points North hat Alicia Iredale und Nerea Bartolomé getroffen, die ihre Fortschritte mit Zehntausenden Followern teilen. Das Überraschende: Viele davon sind Muttersprachler.

“You feel that you’re not alone” — Learning Finnish in the social media age
Despite its fearsome reputation as an impossible-to-learn language, many immigrants to Finland eagerly take on the challenge of learning Finnish — and audiences are increasingly keen to follow their efforts on social media.

Betrunken auf dem E-Scooter

Seit die E-Scooter vor ein paar Jahren die Gehwege finnischer Städte erobert haben, reißen die Diskussionen nicht ab. Es gibt nur zwei Meinungen: Entweder man liebt sie – oder man ist über 25 und hasst sie. Eine aktuelle Untersuchung zeigt nun: Ein Viertel der Nutzenden ist schon einmal betrunken mit dem Elektroroller gefahren.

Seit vergangenem Sommer ist „Trunkenheit am Roller“ in Finnland strafbar. Wer mit einem Blutalkoholgehalt von über 0,5 Promille erwischt wird, zahlt ein Bußgeld von 200 Euro. Immerhin: Vier von fünf Befragten zwischen 15 und 24 Jahren finden das richtig.

Finnisch-deutsche Fusion

Es ist ziemlich wahrscheinlich, dass du schon einmal mit einem Stück Finnland gefahren bist: Kone gehört zu den größten Herstellern von Aufzügen und Rolltreppen weltweit.

Und nun könnte der Konzern noch größer werden: Kone übernimmt den deutschen Hersteller TK Elevator, die ehemalige Aufzugsparte von Thyssenkrupp. Zusammen wird das neue Unternehmen über 100.000 Menschen beschäftigen und einen Umsatz von rund 20 Milliarden Euro erzielen – und damit rechnerisch zum Weltmarktführer.

Wort der Woche 💬

munkki – der Donut, der Berliner (wörtlich: der Mönch)

Kommen wir noch einmal zum Mai-Picknick – und dem finnischen Lieblingsgebäck. Ein munkki ist ein süßes, in heißem Fett ausgebackenes Stück Glück. Entweder als Donut mit Loch, dann heißt er munkkirinkeli. Oder gefüllt mit Marmelade. Und weil Finnen ein kluges Völkchen sind und wissen, dass der einzige korrekte Name dafür Berliner ist, nennen sie ihn praktischerweise dann berliininmunkki.

Apropos regionale Eitelkeiten: In Turku, und nur in Turku, sieht man das natürlich anders. Hier heißt ein Berliner piispanmunkki, oder kurz: piispis. Das leitet sich vom finnischen Wort für Bischof ab, schließlich sitzt in Turku der einzige Erzbischof des Landes.