Ich will ehrlich sein: Ich habe nicht unbedingt daran geglaubt. Zu umkämpft war die Debatte, zu stark die Lobby dagegen.

Und dann ist es gestern Abend um 23 Uhr tatsächlich passiert: Der Stadtrat von Turku hat sich mit 36 zu 31 Stimmen überraschend deutlich für den Bau einer Straßenbahn ausgesprochen. Turku wird damit neben Helsinki und Tampere die dritte finnische Stadt mit einer Tram.

Vorausgegangen war eine Aussprache mit über 70 Wortmeldungen. Viele Abgeordnete traten mehrmals ans Rednerpult. Die Sitzung wurde im Internet übertragen, einige Tausend Menschen in ganz Finnland waren live dabei.

Neben Unterstützung gab es auch viele kritische Beiträge – mit teils haarsträubenden Argumenten. Ein Vertreter der Nationalen Sammlungspartei etwa war sich sicher, dass wir uns in 15 Jahren mit fliegenden Autos durch die Stadt bewegen und dann keine Tram mehr bräuchten.

Doch kurz vor Ende trat dann eine Vertreterin eben jener Partei ans Mikro, um sich bei ihren Wählerinnen und Wählern zu entschuldigen. Denn während der Debatte habe sie sich umentschieden. Von einer vehementen Gegnerin der Tram war sie umgestimmt worden.

Als es dann ein Parteikollege ihr gleichtat, lag plötzlich die Sensation in der Luft. Hat sich die Stimmung etwa gedreht?

Gelber Tramwagen auf der Dombrücke in Turku
Die Tram wird direkt am Dom entlang führen. Bild: Turun raitiotie

So kam es. Unter anderem sprach sich auch Ministerpräsident Petteri Orpo, der gleichzeitig als ganz normales Mitglied im Stadtrat von Turku sitzt, für die Straßenbahn aus.

Nachdem während der Debatte und auch direkt nach der Abstimmung Klatschen verboten war, brach es mit dem Schließen der Sitzung aus den Abgeordneten heraus, und die Befürworter lagen sich in den Armen.

Was heißt das nun?

Turku wird eine rund 12 Kilometer lange Straßenbahnlinie vom Fährhafen über den Marktplatz und den Bahnhof Kupittaa bis in den Stadtteil Varissuo bauen. Die Fahrzeit vom Stadtzentrum zum Hafen soll 13 Minuten betragen.

Insgesamt wird es 20 barrierefreie Haltestellen geben, die im Takt von 7,5 Minuten bedient werden. Wenn alles glattläuft, sollen die ersten Bahnen 2033 rollen.

Mehr Infos gibt es auf der Projekt-Website.

Streckenplan der Straßenbahn von Turku
Hier wird die Straßenbahn unterwegs sein. Grafik: Turun raitiotie

Bereits in diesem Jahr sollen die Arbeiten beginnen, zunächst mit der Ertüchtigung der Dombrücke, wo die Strecke den Fluss Aurajoki überquert, sowie mit archäologischen Ausgrabungen.

Streng genommen ist das eine Rückkehr: Turku hatte bereits bis Anfang der 1970er Jahre eine Straßenbahn. Im Zuge der „autogerechten Stadt“ wurde sie jedoch abgerissen.

Ein historischer Fehler, für den man nun tief in die Tasche greifen muss: Über 450 Millionen Euro sind für den Bau veranschlagt, und wichtige Verkehrsachsen werden sich in den kommenden Jahren in eine Baustelle verwandeln.

Ein hoher Preis, aber ich bin mir sicher: Es wird sich lohnen. Als stark wachsende Stadt mit inzwischen über 200.000 Menschen ist Turku reif für ein modernes Verkehrskonzept. Und wenn Tampere eine Straßenbahn hat, dann sind wir jetzt auch dran.

In den nächsten Jahren kann ich nun beobachten, wie sich eine Stadt transformiert und wie in Finnland ein solches Megaprojekt gestemmt wird. Ich werde auch immer mal wieder in der Post aus Finnland darüber berichten.

Doch heute bin ich erst mal stolz auf meine Stadt.