Moi!

Finnisch ist schwer, heißt es. Regelmäßig taucht Finnisch auf Listen der schwierigsten Sprachen der Welt auf. Und ja: Finnisch zu lernen braucht einen langen Atem. Es ist kein Spaziergang. Nicht einmal ein Marathon. Eher ein Lebensprojekt.

Was dabei auf keinen Fall hilft: das Mantra, Finnisch sei so unheimlich schwer. Es kann leicht zur Ausrede werden, gar nicht erst anzufangen. Und das wäre schade, denn damit entgeht einem eine unheimlich interessante Sprache.

Ich würde sagen: Finnisch ist nicht schwer. Finnisch ist anders.

Eine kleine Familie

Deutsch, Englisch, Spanisch, Russisch oder Griechisch – die meisten Sprachen, mit denen wir in Europa zu tun haben, gehören zur selben großen Sprachfamilie. Mit etwas Abstand betrachtet sind sie Varianten einer gemeinsamen Ursprache. Kennt man eine davon, fällt es verhältnismäßig leicht, eine andere zu lernen.

Nicht so das Finnische.

Auf einer Karte der indoeuropäischen Sprachen fallen drei weiße Flecken auf: Finnland, Estland und Ungarn. Finnisch, Estnisch und Ungarisch gehören nicht dazu, sondern zur kleinen Gruppe der finno-ugrischen Sprachen. Ihre Ursprache ist eine völlig andere als unsere und bringt viele Konzepte mit sich, die uns fremd sind.

Blühender Kirschbaum neben typisch finnischem Haus
In Turku blühen die Kirschbäume. Ein Grund, aus dem Häuschen zu sein!

Warum das so ist, ist ein Thema für sich. Hier nur so viel: Die finno-ugrischen Völker stammen ursprünglich aus dem fernen Nordosten Eurasiens. Vor einigen Tausend Jahren wanderten sie nach Westen und spalteten sich in zwei Gruppen auf: eine Richtung des heutigen Finnlands und Estlands, die andere Richtung des heutigen Ungarns.

Es sind also wir, die Finnisch schwierig erscheinen lassen. Jemand aus Estland hat dagegen deutlich weniger Probleme. Doch was ist es nun, das Finnisch für uns so anders macht?

Magische Buchstaben

Beginnen wir mit einer guten Nachricht: Finnisch wird so ausgesprochen, wie man es schreibt. Jeder Buchstabe entspricht genau einem Laut. Silent letters wie im Englischen gibt es nicht.

Dafür muss man bei der Aussprache genau sein. Im Finnischen macht es einen großen Unterschied, ob ein Laut kurz oder lang gesprochen wird. Mitunter ist das sogar eine Frage von Leben und Tod: Zwischen Minä tapaan sinut („Ich treffe dich“) und Minä tapan sinut („Ich töte dich“) liegt nur die Winzigkeit eines langen Vokals.

Es gibt viele solche Wortpaare, die fast identisch aussehen, aber völlig unterschiedliche Bedeutungen haben: kuka („wer“) und kukka („Blume“), silli („Hering“) und siili („Igel“). Manchmal sind es sogar drei Wörter wie bei tuli („Feuer“), tulli („Zoll“) und tuuli („Wind“).

Kirschblüten in Nahaufnahme
Wenn man nicht nur eine Kirschblüte hat, sondern mehrere, verschwindet ein k: aus kirsikankukka wird kirsikankukat

Überhaupt die Buchstaben: Die Vokale ä, ö und y dürfen nicht mit a, o und u in einem Wort vorkommen. Nur i und e lassen sich mit beiden Gruppen mischen. Besonders tückisch: Die finnische Aussprache von a und ä klingt für deutsche Ohren fast gleich.

Noch seltsamer wird es bei den Konsonanten k, p und t. Wie von Zauberhand können diese entweder verschwinden (kukka wird im Genitiv zu kukan), sich verwandeln (aus apu wird avun) oder verdoppeln (osoite wird zu osoitteen).

Vom Ende her gedacht

Die wohl ungewohnteste Eigenschaft des Finnischen ist das „Stapeln“ bedeutungstragender Endungen, das Agglutinieren. Im Finnischen sagt man nicht „in unserem Haus“, sondern hängt die Informationen „in“ und „unser“ gebündelt ans Wortende an: Hausinunserem.

Ein ähnliches Prinzip gibt es unter anderem im Türkischen und Baskischen, die ebenfalls zu den „Außenseitern“ unter den eurasischen Sprachen zählen. Der Vorteil agglutinierender Sprachen ist, dass sie sehr systematisch und regelmäßig aufgebaut sind.

Das Problem: Es gibt viele Regeln. Sehr viele.

So hat das Finnische etwa 15 Fälle. Oder 14. Man weiß es nicht so genau, denn irgendwann hat jemand beschlossen, den Akkusativ wegzulassen, weil er zufällig genauso aussieht wie der Genitiv, obwohl er eine ganz andere Funktion hat, und nun sind alle verwirrt.

Einige der Fälle beschreiben den Ort von Dingen und beantworten die Fragen „Wo?“, „Woher?“ und „Wohin?“. Für „Haus“, auf Finnisch talo, haben wir talossa („im Haus“), talosta („aus dem Haus“) und taloon („ins Haus“). Hängen wir noch die Endung -mme für „unser“ an, landen wir schließlich bei talossamme – „in unserem Haus“.

Es gibt noch einen zweiten Satz dieser Lokalfälle, der sich, vereinfach gesagt, auf zweidimensionale Objekte bezieht. Flächen, Plätze, offene Räume. Der Marktplatz ist tori. „Auf dem Marktplatz“ heißt torilla, „vom Marktplatz“ torilta und „zum Marktplatz“ torille.

Junge Frau mit rosa Weste unter blühendem Kirschbaum
Es gibt im Finnischen noch eine zweite Art, Ortsbeziehungen auszudrücken, die nachgestellten Postpositionen. Unterm Kirschbaum heißt kirsikkapuun alla

So weit, so verständlich. Kompliziert wird es, weil diese Fälle erstens nicht nur streng für Ortsbeziehungen benutzt werden, sondern auch für alles Mögliche andere. Und zweitens: Wann etwas „dreidimensional“ ist und wann „zweidimensional“, ist nicht immer ganz klar.

Etwa bei Ortsnamen.

Bei Turku nimmt man die erste Gruppe der Lokalfälle: „in Turku“ heißt Turussa, denn das k ist einer dieser magischen Buchstaben. „Aus Turku“ heißt Turusta. Und „nach Turku“ heißt … Turkuun, denn hier bleibt das k stehen. Willkommen in der Welt des Finnischen.

Bei Tampere hingegen gilt die andere Logik: Tampereella, Tampereelta und Tampereelle.

Das ist für jeden Ort unterschiedlich und folgt keiner leicht erkennbaren Regel. Bei größeren Städten wissen es die Finnen auswendig, bei kleineren müssen selbst Muttersprachler nachschlagen. Gibt man eine Kleinstadt in eine Suchmaschine ein, erscheint die Frage nach dem richtigen Lokalfall oft ganz oben in den Vorschlägen.

Edit: Es gibt sogar eine Website, wo man die Fälle für alle Orte in Finnland nachschlagen kann. Danke für den Tipp, Heikki! Oder wie man auf Finnisch sagt: Kiitos vinkistä – ja, mit Lokalfall!

Kein Geschlecht, keine Zukunft

Wenn du jetzt verwirrt bist, kann ich dir sagen: Man gewöhnt sich dran. Und vergiss die Frage nach dem „Warum“. Finnen wissen nicht, warum sie welchen Fall benutzen – und oft nicht einmal, wie er heißt. So lernt man seine eigene Sprache nicht.

Einige Dinge sind dafür sehr einfach: Das Finnische kennt keine Groß- und Kleinschreibung, keine Artikel und nur vier Zeitformen – denn wenn man mal ehrlich ist, wer braucht schon Futur.

Und: Es gibt kein grammatisches Geschlecht. Statt „er“ und „sie“ sagt man einfach nur hän. Zwei Finnen können sich eine halbe Stunde über eine Person unterhalten, ohne zu wissen, ob sie nun über einen Mann oder eine Frau quatschen. Oft spielt das ja auch gar keine Rolle.

Was Finnisch wirklich schwierig macht: Es gibt nicht nur ein Finnisch, sondern genau genommen drei. Das geschriebene Finnisch, das davon teils stark abweichende gesprochene Finnisch – und oben drauf noch die regionalen Dialekte. Finnisch lesen können und sich in der Sauna auf Finnisch unterhalten sind zwei sehr unterschiedliche Dinge.

Aber das ist ein Thema für eine andere Ausgabe.

Bis nächste Woche
Sebastian 👋


Wort der Woche 💬

Suomi, suomi – Finnland, finnische Sprache

Im Finnischen ist es üblich, für ein Land und dessen Sprache dasselbe Wort zu verwenden. Finnland selbst ist da keine Ausnahme: Suomi mit großem S bezeichnet das Land, suomi die Sprache. Woher das Wort ursprünglich stammt, ist bis heute unklar. Zwar gibt es zahlreiche Theorien, wirklich belegen ließ sich bisher aber keine davon.

Die meisten Sprachen verwenden dagegen Varianten eines Namens, der auf das lateinische fenni zurückgeht. Der Begriff Suomi hat sich aber in die baltischen Sprachen übertragen: Auf Estnisch heißt Finnland Soome, auf Lettisch Somija und auf Litauisch Suomija.