Moi!

Am Montag habe ich fünf Stunden lang eine Ratssitzung verfolgt. Es ging um eine äußerst strittige Frage. Eine Frage, die seit fast 20 Jahren diskutiert wird. Die Familien, Freundeskreise und Parteien spaltet.

Auch mich hat diese Frage aufgewühlt. Zwischendurch musste ich meinen Balkon putzen, um mich abzulenken. Und ich würde lügen, wenn ich behaupte, ich hätte mehr als ein Viertel verstanden.

Was ich aber verstanden habe: Trotz aller Brisanz ging es bei der Debatte erstaunlich zivilisiert zu. Ein Ratsmitglied nach dem anderen trat ans Pult, hielt sein fünfminütiges Statement und setzte sich wieder hin. Kein Zwischenrufen, kein Klatschen, kein Pöbeln. In den ganzen fünf Stunden ging vielleicht dreimal ein Raunen durch den Saal. Sonst nichts.

Über den Ausgang der Abstimmung, die mich und viele andere Freundinnen und Freunde des öffentlichen Verkehrs jubeln ließ, habe ich ja schon berichtet: Turku bekommt eine Straßenbahn.

Heute soll es um etwas anderes gehen. Um politische Kultur.

Historischer Beschluss: Turku bekommt eine Straßenbahn
Nach fünf Stunden Marathon-Sitzung gab der Stadtrat grünes Licht. Ab 2033 soll die Tram durch Turku rollen.

Maß und Moderation

Politik in Finnland ist meistens nüchtern, sachlich, ja geradezu langweilig. Dass die finnische Politik mal einen Popstar hervorbringt wie Sanna Marin, ist die Ausnahme.

In Finnland geht es nicht so sehr um Personen, sondern um das Amt, das sie bekleiden. Politik wird hier nicht als „Mann gegen Mann“ oder „Frau gegen Frau“ inszeniert, Machtkämpfe und Intrigen gibt es kaum. Und wenn doch, geht es um fast schon lächerliche Lappalien wie die Abrechnung von Frühstückskosten.

Sich Köpfe und Namen zu merken, lohnt sich meistens ohnehin nicht. Allein in meiner kurzen Zeit hier haben alle wichtigen Ämter mindestens einmal gewechselt. Seit der Unabhängigkeit im Jahr 1917 gab es 77 Regierungskoalitionen mit 47 verschiedenen Ministerpräsidenten. Dass jemand 16 Jahre durchregiert – in Finnland unvorstellbar.

Zum Chaos führt dieser ständige Wechsel aber nicht. Im Gegenteil: Er erzieht zu Maß und Moderation.

An den Regierungen sind meistens drei, vier oder fünf Parteien beteiligt. Praktisch jeder hat schon mit jedem regiert, Grüne mit Bäuerlichen, Konservative mit Sozialisten. Berührungsängste gibt es kaum. Das Wahlergebnis ist, wie es ist, da rauft man sich eben zusammen. Man sucht eher nach Gemeinsamkeiten als nach dem, was einen trennt.

Weiß blühende Blume
Vertrauen in die Politik ist ein zartes Pflänzchen

Wie vieles in Finnland, ist auch der öffentliche Diskurs eine Spur unaufgeregter. Ich erinnere mich noch daran, wie sich in Turku Menschen trafen, um gegen die Corona-Maßnahmen zu demonstrieren – und dabei penibel auf die Abstandsregeln achteten. Nur weil man anderer Meinung ist, muss man ja nicht gleich unvernünftig werden.

Das geht so weit, dass man als anders sozialisierter Beobachter manchmal Bauchschmerzen bekommt.

Auch Finnland hat seine Rechtspopulisten. Die „Wahren Finnen“, wie sie sich selbst nennen, werden nicht ausgegrenzt, sondern sind voll in den politischen Betrieb integriert. Zweimal waren sie bereits an der Regierung beteiligt – und damit gezwungen, nicht nur vom Rand zu kommentieren, sondern sich an ihren Taten messen zu lassen.

Beim ersten Mal zerstritt sich die Partei und zerfiel in zwei Teile. Der zweite Versuch läuft noch. Er führte schnell zur unbeliebtesten Regierung der jüngeren Zeit und zu einem Absturz in den Umfragen.

Zumindest in Finnland scheint das mit der „Entzauberung“ also zu funktionieren. Der Preis allerdings ist hoch. Eine Regierung kann in kurzer Zeit viel Schaden anrichten. Das wieder auszubügeln, ist mühsam.

Erfrischend normal

Finnische Politikerinnen und Politiker sind erfrischend normal. Auf Instagram kann man ihnen dabei zusehen, wie sie kochen, gärtnern oder die Kinder zur Kita bringen. Das ist nicht inszeniert, sondern man gesteht auch Spitzenkräften ein Privatleben zu.

In Finnland ist es verpönt, sich für etwas Besseres zu halten oder Aufsehen um sich zu machen. Politik ist am Ende auch nur ein Job. Nur weil man gerade zufällig Staatsoberhaupt ist, heißt das nicht, dass man sich vordrängelt. Als der damalige Präsident Sauli Niinistö vor einigen Jahren auf der Turkuer Buchmesse keinen Platz mehr fand, setzte er sich eben auf die Treppe.

Lachmöwe gleitet über das Wasser
Nicht zu hoch und nicht zu tief fliegen, sondern genau richtig

Natürlich wird auch in Finnlands Politik gestritten und gerungen. Aber auf eine Art, bei der man sich hinterher noch in die Augen sehen kann.

Es ist völlig normal, dass politische Gegner in einer Show am Samstagabend nebeneinander auf dem Sofa sitzen und respektvoll, ja sogar herzlich miteinander umgehen. Finnland ist ein kleines Land, man kennt sich. Und egal, welche Farbe sie vertreten: Finnen sind sie alle gerne und wollen – auf ihre Art – das Beste für ihr Land.

Das führt dazu, dass manchmal tatsächlich das Argument noch etwas zählt. Die Debatte vom Montag ist ein gutes Beispiel: Eine Politikerin der konservativen Sammlungspartei, die sich eigentlich gegen die Tram gestellt hatte, stand auf und verkündete, dass sie ihre Meinung geändert habe. Später erklärte sie, sie habe erkannt, dass ein Nein nicht ausreichend von den Fakten gedeckt sei.

Dafür gab es einen Rüffel der Partei, aber auch viel Respekt aus allen Richtungen. Ich finde: Seine Meinung zu ändern, wenn man neue Informationen hat, ist keine Schwäche, sondern eine Stärke.

Während Politik anderswo wie Popcornkino betrieben wird, ähnelt sie in Finnland eher Roggenbrot: Vielleicht nicht besonders aufregend und manchmal ein bisschen trocken. Aber es erfüllt seinen Zweck. Und genau darum sollte es doch eigentlich gehen.

Bis nächste Woche
Sebastian 👋

PS: Danke an Heiky und Ralf für 5 und 10 Euro auf Ko-fi. Wenn auch du die Post aus Finnland unterstützen möchtest, kannst du das hier tun: https://ko-fi.com/sebwilken/


Und sonst?

Nett hier. Aber …

Du kennst sicher diese gelben Aufkleber, die – na ja – Werbung für Baden-Württemberg machen sollen. Auch in Finnland tauchen sie immer wieder auf. Man liebt sie oder man hasst sie. Johnny Sjöblom, der in Deutschland lebt und für den finnischen Rundfunk die deutschsprachigen Länder beobachtet, berichtet auf Svenska Yle über die Kontroverse rund um die Kampagne.

”... men var Ni redan i Baden-Württemberg” – kampanjen som fascinerar och irriterar
Briljant marknadsföring eller bara otroligt irriterande? Tyska Baden-Württembergs kampanj delar åsikterna. I centrum står klistermärken som hittas världen över.

Zug nach Schweden verspätet

Die Zugverbindung von Oulu in die schwedische Grenzstadt Haparanda soll nun am 10. August starten – und damit zwei Monate später als ursprünglich geplant. Die Formalitäten rund um den grenzüberschreitenden Verkehr seien komplizierter als gedacht, heißt es von der finnischen Verkehrsbehörde Traficom. Geplant sind 15 Zugfahrten pro Woche zwischen Oulu und Haparanda.

In Haparanda besteht Anschluss nach Boden, von wo ein Nachtzug nach Stockholm fährt. Eine Fahrt von Helsinki nach Stockholm ließe sich damit künftig in rund 24 Stunden komplett per Bahn zurücklegen.

30 Grad im Mai

Wetterextreme in Finnland: Während in Lappland noch die letzten Schneeflecken schmelzen, erlebte der Südosten Finnlands am Mittwoch den ersten Hitzetag des Jahres. In Ilomantsi wurden 30,2 Grad gemessen. Nur ein einziges Mal zuvor wurde die 30-Grad-Marke in Finnland früher geknackt. Viele Wetterstationen in Nordkarelien und Kainuu verzeichneten zudem neue Mai-Rekordwerte.

Nachtlose Nächte sind da

In Utsjoki, Finnlands nördlichster Gemeinde, begann am Samstag die Zeit der Mitternachtssonne. Bis Ende Juli wird die Sonne dort nun nicht mehr unter den Horizont sinken. Das Naturschauspiel der „nachtlosen Nächte“ gibt es nur oberhalb des Polarkreises – und es dauert umso länger, je weiter nördlich man kommt. Doch auch hier in Südfinnland sind die Tage inzwischen schon wieder richtig lang: Im Sommer sind Outdoor-Aktivitäten bis 23 Uhr problemlos möglich.

Preise steigen langsamer

Finnlands Lebensmittel sind nicht mehr die teuersten Europas. In den vergangenen Jahren haben sich die Preise zunehmend dem EU-Durchschnitt angenähert. Waren Essen und nichtalkoholische Getränke 2014 noch rund ein Viertel teurer als im europäischen Schnitt, lag der Unterschied 2024 bei weniger als zehn Prozent. Laut der finnischen Lebensmittelbehörde liegt das daran, dass die Preise in Finnland zuletzt langsamer gestiegen sind als im Rest der EU.

Wort der Woche 💬

sopiva – geeignet, passend, angemessen

Es gibt Wörter, die sind mehr als nur ein Wort. Sie erzählen etwas darüber, wie ein Land tickt. Dazu gehört sopiva. Es kommt vom Verb sopia – „passen“. Eine Hose kann passen. Vor allem taucht das Wort aber bei Verabredungen auf. Auf die Frage „Treffen wir uns Samstag um zehn?“ wäre eine typische Antwort: Sopii! Also ungefähr: „Passt!“

Das Adjektiv sopiva steht für Balance und Maßhalten. Finnen schätzen Bescheidenheit und meiden Extreme. Es geht darum, für jede Situation den Weg zu finden, der „genau richtig“ ist. Nicht zu viel und nicht zu wenig. Sopiva eben.