Moi!
Am Montag habe ich fünf Stunden lang eine Ratssitzung verfolgt. Es ging um eine äußerst strittige Frage. Eine Frage, die seit fast 20 Jahren diskutiert wird. Die Familien, Freundeskreise und Parteien spaltet.
Auch mich hat diese Frage aufgewühlt. Zwischendurch musste ich meinen Balkon putzen, um mich abzulenken. Und ich würde lügen, wenn ich behaupte, ich hätte mehr als ein Viertel verstanden.
Was ich aber verstanden habe: Trotz aller Brisanz ging es bei der Debatte erstaunlich zivilisiert zu. Ein Ratsmitglied nach dem anderen trat ans Pult, hielt sein fünfminütiges Statement und setzte sich wieder hin. Kein Zwischenrufen, kein Klatschen, kein Pöbeln. In den ganzen fünf Stunden ging vielleicht dreimal ein Raunen durch den Saal. Sonst nichts.
Über den Ausgang der Abstimmung, die mich und viele andere Freundinnen und Freunde des öffentlichen Verkehrs jubeln ließ, habe ich ja schon berichtet: Turku bekommt eine Straßenbahn.
Heute soll es um etwas anderes gehen. Um politische Kultur.

Maß und Moderation
Politik in Finnland ist meistens nüchtern, sachlich, ja geradezu langweilig. Dass die finnische Politik mal einen Popstar hervorbringt wie Sanna Marin, ist die Ausnahme.
In Finnland geht es nicht so sehr um Personen, sondern um das Amt, das sie bekleiden. Politik wird hier nicht als „Mann gegen Mann“ oder „Frau gegen Frau“ inszeniert, Machtkämpfe und Intrigen gibt es kaum. Und wenn doch, geht es um fast schon lächerliche Lappalien wie die Abrechnung von Frühstückskosten.
Sich Köpfe und Namen zu merken, lohnt sich meistens ohnehin nicht. Allein in meiner kurzen Zeit hier haben alle wichtigen Ämter mindestens einmal gewechselt. Seit der Unabhängigkeit im Jahr 1917 gab es 77 Regierungskoalitionen mit 47 verschiedenen Ministerpräsidenten. Dass jemand 16 Jahre durchregiert – in Finnland unvorstellbar.
Zum Chaos führt dieser ständige Wechsel aber nicht. Im Gegenteil: Er erzieht zu Maß und Moderation.
An den Regierungen sind meistens drei, vier oder fünf Parteien beteiligt. Praktisch jeder hat schon mit jedem regiert, Grüne mit Bäuerlichen, Konservative mit Sozialisten. Berührungsängste gibt es kaum. Das Wahlergebnis ist, wie es ist, da rauft man sich eben zusammen. Man sucht eher nach Gemeinsamkeiten als nach dem, was einen trennt.
Wie vieles in Finnland, ist auch der öffentliche Diskurs eine Spur unaufgeregter. Ich erinnere mich noch daran, wie sich in Turku Menschen trafen, um gegen die Corona-Maßnahmen zu demonstrieren – und dabei penibel auf die Abstandsregeln achteten. Nur weil man anderer Meinung ist, muss man ja nicht gleich unvernünftig werden.
Das geht so weit, dass man als anders sozialisierter Beobachter manchmal Bauchschmerzen bekommt.
Auch Finnland hat seine Rechtspopulisten. Die „Wahren Finnen“, wie sie sich selbst nennen, werden nicht ausgegrenzt, sondern sind voll in den politischen Betrieb integriert. Zweimal waren sie bereits an der Regierung beteiligt – und damit gezwungen, nicht nur vom Rand zu kommentieren, sondern sich an ihren Taten messen zu lassen.
Beim ersten Mal zerstritt sich die Partei und zerfiel in zwei Teile. Der zweite Versuch läuft noch. Er führte schnell zur unbeliebtesten Regierung der jüngeren Zeit und zu einem Absturz in den Umfragen.
Zumindest in Finnland scheint das mit der „Entzauberung“ also zu funktionieren. Der Preis allerdings ist hoch. Eine Regierung kann in kurzer Zeit viel Schaden anrichten. Das wieder auszubügeln, ist mühsam.
Erfrischend normal
Finnische Politikerinnen und Politiker sind erfrischend normal. Auf Instagram kann man ihnen dabei zusehen, wie sie kochen, gärtnern oder die Kinder zur Kita bringen. Das ist nicht inszeniert, sondern man gesteht auch Spitzenkräften ein Privatleben zu.
In Finnland ist es verpönt, sich für etwas Besseres zu halten oder Aufsehen um sich zu machen. Politik ist am Ende auch nur ein Job. Nur weil man gerade zufällig Staatsoberhaupt ist, heißt das nicht, dass man sich vordrängelt. Als der damalige Präsident Sauli Niinistö vor einigen Jahren auf der Turkuer Buchmesse keinen Platz mehr fand, setzte er sich eben auf die Treppe.
Natürlich wird auch in Finnlands Politik gestritten und gerungen. Aber auf eine Art, bei der man sich hinterher noch in die Augen sehen kann.
Es ist völlig normal, dass politische Gegner in einer Show am Samstagabend nebeneinander auf dem Sofa sitzen und respektvoll, ja sogar herzlich miteinander umgehen. Finnland ist ein kleines Land, man kennt sich. Und egal, welche Farbe sie vertreten: Finnen sind sie alle gerne und wollen – auf ihre Art – das Beste für ihr Land.
Das führt dazu, dass manchmal tatsächlich das Argument noch etwas zählt. Die Debatte vom Montag ist ein gutes Beispiel: Eine Politikerin der konservativen Sammlungspartei, die sich eigentlich gegen die Tram gestellt hatte, stand auf und verkündete, dass sie ihre Meinung geändert habe. Später erklärte sie, sie habe erkannt, dass ein Nein nicht ausreichend von den Fakten gedeckt sei.
Dafür gab es einen Rüffel der Partei, aber auch viel Respekt aus allen Richtungen. Ich finde: Seine Meinung zu ändern, wenn man neue Informationen hat, ist keine Schwäche, sondern eine Stärke.
Während Politik anderswo wie Popcornkino betrieben wird, ähnelt sie in Finnland eher Roggenbrot: Vielleicht nicht besonders aufregend und manchmal ein bisschen trocken. Aber es erfüllt seinen Zweck. Und genau darum sollte es doch eigentlich gehen.
Bis zum nächsten Mal
Sebastian 👋
Wort der Woche 💬
sopiva – geeignet, passend, angemessen
Es gibt Wörter, die sind mehr als nur ein Wort. Sie erzählen etwas darüber, wie ein Land tickt. Dazu gehört sopiva. Es kommt vom Verb sopia – „passen“. Eine Hose kann passen. Vor allem taucht das Wort aber bei Verabredungen auf. Auf die Frage „Treffen wir uns Samstag um zehn?“ wäre eine typische Antwort: Sopii! Also ungefähr: „Passt!“
Das Adjektiv sopiva steht für Balance und Maßhalten. Finnen schätzen Bescheidenheit und meiden Extreme. Es geht darum, für jede Situation den Weg zu finden, der „genau richtig“ ist. Nicht zu viel und nicht zu wenig. Sopiva eben.
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