Moi!

Neulich saß ich mit meiner Freundin vor dem Fernseher. Es lief unsere Lieblingssendung: Fünf mehr oder weniger berühmte Menschen kommen zusammen und bringen ein Lied mit, das Stück ihres Lebens. Das wird dann von einer famosen Liveband gespielt, und die anderen müssen raten, zu wem welcher Titel gehört.

Einer der Gäste, ein bekannter Rocksänger, Ende fünfzig, wurde vorgestellt als Musiker – und Theologiestudent.

Komisch, sagte ich zu meiner Freundin. Ich kann mich nicht erinnern, eine deutsche Samstagabendshow gesehen zu haben, in der ein gestandener Mann als Student bezeichnet wird. Und falls doch, würde es wohl für Stirnrunzeln sorgen. In dem Alter noch an der Uni?

Warum, sagte sie. In Finnland ist das ganz normal. Wir nennen das lebenslanges Lernen.

Nichts ohne Bildung

Finnland ist ein bildungspositives Land. Neben der Sauna ist Bildung etwas, auf das sich alle Finnen einigen können. Bildung ist alles in Finnland, denn ohne Bildung wäre Finnland nichts.

Der erste Roman in finnischer Sprache überhaupt erzählt von sieben Brüdern, die nach dem Tod der Eltern ein ungezügeltes Leben im Wald führen. Prügeleien, wilde Trinkgelage. Doch eines Tages sehen sie ein, dass sie lesen lernen müssen. Mühsam pauken sie das Alphabet, werden schließlich sesshaft und zu angesehenen Leuten.

Eine Parabel auf den Aufstieg der jungen finnischen Nation. Lies und bilde dich, und du wirst ein gutes Leben haben. Kein Wunder, dass Finnlands Kathedralen seine Bibliotheken sind.

Bibliotheken in Finnland: Ein Wohnzimmer für alle
Es ist Freitag und du liest die Post aus Finnland. Heute: Warum Finnlands Bibliotheken so großartig sind.

Bildung ist zunächst mal eine Notwendigkeit: ein kleines Land am Rande Europas, ohne nennenswerte Bodenschätze. Finnland hat erkannt, dass die einzige Ressource seine Menschen sind.

Und in die wird investiert.

Zuvorderst natürlich in Form von Schulen. Als man anfing, die Leistungen von Schülerinnen und Schülern zu vergleichen, als wäre Bildung ein Sportwettbewerb, wurde das finnische Schulsystem weltberühmt. Dabei strebt Finnland nicht unbedingt nach Exzellenz. Das oberste Ziel ist es, allen Menschen die gleichen Chancen zu bieten. In Finnland ist Bildung auf allen Ebenen kostenlos. Die kleine Schule auf dem Land ist genauso gut wie die große in der Hauptstadt.

Der andere große Eckpfeiler: Es gibt im finnischen Bildungssystem keine Sackgassen. Wer einmal gescheitert ist, kann später wieder anfangen. Wer sich einmal für den beruflichen Zweig entschieden hat, kann jederzeit in den akademischen wechseln – und umgekehrt.

Aber Bildung hört nicht mit dem Abschluss auf. Jedes Jahr nimmt etwa die Hälfte aller Menschen in Finnland zwischen 18 und 64 Jahren an Erwachsenenbildung und Weiterbildung teil.

Auch ich gehe jede Woche in die Volkshochschule, um mein Finnisch zu verbessern. Während ich da sitze und mal wieder an den finnischen Fällen verzweifle, wird um mich herum getöpfert und Japanisch geübt. Und manchmal bin ich ein bisschen abgelenkt, denn ich muss mit dem Fuß wippen, wenn nebenan die schuleigene Rockband probt.

Boot am Steg an einem Herbstmorgen am See
Es hat sich gelohnt, frühmorgens an den See zu fahren

Ich weiß nicht, was zuerst da war: das gute Bildungssystem oder die neugierigen, gut informierten Menschen, die stets wissen, was auf der Welt um sie herum vor sich geht. Als jemand, der schon immer leidenschaftlich gern sein Hirn mit nützlichem und unnützem Wissen geflutet hat, fühle ich mich hier jedenfalls genau richtig.

Es ist nie zu spät

Einmal ging es in meinem Finnischkurs um die Frage: Könntest du dir vorstellen, in Finnland zu studieren? Ich schrieb: Ja, ich würde auf jeden Fall gerne in Finnland studieren, leider bin ich zu alt. Darauf meine Finnischlehrerin: Man ist nie zu alt!

Da musste ich an Reijo denken. Ich traf Reijo, als ich nach Turku kam, um an der Uni zu arbeiten. Ein freundlicher, älterer Herr, der meistens still am Schreibtisch saß. Sicher ein Professor, dachte ich, mindestens ein Dozent. Und müsste er nicht längst im Ruhestand sein?

Erst später erfuhr ich: Reijo schrieb seine Doktorarbeit.

Hinter ihm lag ein bewegtes Leben. Als Kriegskind war er für ein paar Jahre nach Schweden gekommen. Zurück in Finnland begann die Schule, das Gymnasium musste er aber nach einem Jahr wieder abbrechen. Kein Geld, stattdessen hieß es arbeiten, arbeiten, arbeiten.

Aber da war immer diese Lust am Lernen. Neben dem Beruf holte er seine Abschlüsse nach. Wurde Ingenieur. Schließlich begann er sogar ein Physikstudium. Da hatte er schon ein Haus gebaut. Der Uniabschluss brachte einen guten Job. Viele Reisen. Er machte ihn bis 75.

Doch Reijo war noch nicht fertig. Er fühlte sich stark genug, um weiterzulernen. Ein Professor der schwedischsprachigen Universität gab ihm die Chance, zu promovieren. Er frischte sein Wissen auf, lernte das Handwerkszeug im Labor, schrieb Fachartikel – und machte schließlich seinen Doktor in Physik. Mit 84 Jahren.

Es ist die Geschichte von einem, der nie aufgehört hat, neugierig zu sein. Aber auch die Geschichte eines Bildungssystems, das Menschen etwas zutraut und ihnen ermöglicht, ihre Träume zu verwirklichen. Unabhängig von Herkunft, Alter und Lebensweg. Und unabhängig von der Frage, was das eigentlich bringt. Denn zu lernen, zu versuchen, die Welt zu verstehen, bringt immer etwas.

Manchmal bin ich etwas traurig, nicht im finnischen Bildungssystem aufgewachsen zu sein. Aber wer weiß, vielleicht studiere ich ja auch noch mal was. Ich bin ja erst Anfang vierzig.

Bis zum nächsten Mal
Sebastian 👋


Skandal der Woche

Günstiger Strom, kühles Klima, politische Stabilität: Finnland ist der Traum der Tech-Konzerne. In den kommenden Jahren sollen über 100 KI-Rechenzentren im ganzen Land aus dem Boden gestampft werden.

Google ist schon mal vorgeprescht und hat in der Gegend von Oulu 250.000 Bäume gefällt. Illegal, ohne Genehmigung.

Langsam, aber sicher regt sich in Finnland Widerstand gegen das skrupellose Vorgehen. Ein Bericht des britischen Guardian bringt das Thema nun in die Weltöffentlichkeit und zeigt eindrücklich das Ausmaß der Zerstörung.

‘Pure arrogance’: anger in Finland as Google illegally fells 250,000 trees for datacentre
Company ordered to stop work at two sites in country, which has found itself at forefront of tech firms’ latest push

Ja, ein Großteil des finnischen Waldes ist Wirtschaftswald und wird irgendwann gefällt. Aber hier geht es um etwas anderes. Die Dimension. Die Ruchlosigkeit. Und darum, dass es ein Akteur von außen ist, der das Vertrauen der Finnen ausgenutzt hat.

Die Rechenzentren werden Finnland noch lange beschäftigen und wohl auch die Parlamentswahlen im Frühjahr beeinflussen.