Moi!
Es gibt diesen einen Tag im Spätsommer. Die warme, aber auch ein wenig schlapp gewordene Luft ist verschwunden. Stattdessen weht ein frischer, kühler Hauch durch Finnland. Er treibt die ersten Blätter, die aus den Bäumen gefallen sind, vor sich her. Es wird Herbst.
Ich liebe diesen Moment.
Die Rastlosigkeit des Sommers und die Erwartungen, die nie ganz erfüllt werden, fallen von mir ab. Plötzlich ist da wieder Platz für neue Ideen. Ich fühle mich ganz da, verbunden mit der Natur. Ein Hauch von Neustart liegt in der Luft. Das Jahr sollte genau jetzt beginnen.
Nachdem ich schon über den Frühling geschimpft und mir mein komplexes Verhältnis zum Sommer von der Seele geschrieben habe, ist es Zeit für eine Liebeserklärung. An den finnischen Herbst.
Rausch der Farben
Es beginnt mit einem Feuerwerk. Ruska heißt dieses Phänomen in Finnland, wenn sich Fjelle, Moore und Wälder über Nacht in den schönsten Farben verfärben. Hoch oben in Lappland geht es manchmal schon in den letzten Augusttagen los. Die Beerenbüsche am Boden scheinen tiefrot zu glühen, die Birken, die sich die Hänge hinaufziehen, lichterloh in Flammen zu stehen.

Eine, vielleicht zwei Wochen dauert das Spektakel, dann zieht die Ruska weiter nach Süden. Nach und nach schwappt so eine Welle der Farben durch Finnland, bis irgendwann im Oktober auch bei uns im Schärengarten die letzten Blätter gefallen sind.
Am schönsten ist es im September.
Überhaupt, der September. Wenn ihr mich fragt, der beste Monat von allen. Ihr könnt euch nicht entscheiden, ob ihr im Sommer oder Winter nach Finnland kommen sollt? Kommt im September! Das Wetter ist angenehm, die Tage sind noch lang genug. Und in der Luft liegt diese besondere Energie, die mich nach draußen treibt.

Endlich ist es kühl genug, um wandern zu gehen. In kurzer Hose und mit Schweiß auf der Stirn losstiefeln? Nein, das ist nicht meins. Man muss ein bisschen frösteln am Anfang, sonst ist es nicht richtig. Noch ein Vorteil: Das Thema Mücken hat sich längst erledigt.
Licht und Dunkelheit
Oft schwärme ich vom Sommerlicht in Finnland. Aber wenn ich ehrlich bin, meine ich damit nur die goldenen Momente vor Sonnenuntergang. Also mitten in der Nacht. Tagsüber ist das Licht hart, fast aggressiv.
Im Herbst wird es sanfter. Die Sonne steht tief, die Schatten werden länger. Es ist die beste Zeit für Fotografie. Und auch als jemand, der einen halbwegs normalen Tagesablauf hat, kann man nun wieder den Sonnenaufgang sehen. Besonders schön ist so ein Herbstmorgen, wenn noch ein bisschen Nebel über den Wiesen und Seen hängt.

Doch der Herbst bringt auch etwas anderes zurück nach Finnland: die Dunkelheit. Ab Ende September ist die Nacht wieder länger als der Tag. Das freut alle, die auf Jagd nach Polarlichtern gehen wollen – ohne sich dabei die Finger abzufrieren wie im Winter.
Ich mag die Dunkelheit genauso wie das Licht. Ohne das eine kann das andere nicht sein. Und gegen den Mangel an Vitamin D gibt es all die Pillen und Pulverchen, die nun wieder im Supermarkt auftauchen.
Der Oktober ist der Übergangsmonat in der Übergangsjahreszeit. Im Süden ist er anfangs noch bunt, doch spätestens in der zweiten Hälfte schleicht die Farbe und das Leben aus Finnland hinaus. Und weil es auch mit dem Wetter nicht immer zum Besten bestellt ist, nennen die Finnen den Oktober auf ihre pragmatische Art den „Matschmonat“.
Wer ein Auto hat, begibt sich nun in den alljährlichen Kampf mit den Winterreifen. Und ja, warum nicht auch schon mal die Weihnachtsbeleuchtung rauskramen? In Finnland ist sie ohnehin eher eine Winterbeleuchtung. Im Norden kann jetzt schon der erste Schnee fallen, wie dieses Wochenende in Kuusamo.
Einfach existieren
Es folgt der meistgehasste Monat in Finnland. Der „Todesmonat“. Ja, der November ist dunkel und grau. Und zumindest hier im Süden gibt es noch keinen Schnee, der das alles erträglicher machen würde.
Und trotzdem will ich eine Lanze für den November brechen. Eingangs schrieb ich ja von Erwartungen und davon, wie sie von einem abfallen. Spätestens im November hat wohl niemand mehr auch nur einen einzigen Anspruch ans Leben, außer irgendwie zu existieren.

Aber hey, was ist daran eigentlich so schlecht?
Man muss nicht ständig so tun, als wäre man gut drauf. Jeder kämpft sich irgendwie durch. Eine kollektive Erfahrung. Und man hat endlich mal wieder Zeit. Zum Lesen. Um etwas zu lernen. Oder einfach auf dem Sofa zu liegen. Egal, was es ist, es ist gut genug.
Meine These: Es ist der November, der Finnland zu Finnland macht. Winterwunderland und Sommer am See kann ja jeder.
Bunte Farben und tristes Grau. Licht und Schatten. Raus in die Natur und zu Hause einmummeln. Im Herbst dreht sich alles um Ausgleich. Die Umstände akzeptieren und das Beste daraus machen. Dazu ein Schuss Melancholie. Und wenn gar nichts mehr geht, hilft Galgenhumor.
Der Herbst ist die finnischste aller Jahreszeiten.
Bis zum nächsten Mal
Sebastian 👋
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Wort der Woche 💬
Auf Finnisch heißt der Herbst syksy. Wie bei vielen Wörtern rund um Wetter und Natur ist es ein sehr altes Wort. In zusammengesetzten Begriffen wird daraus syys, wie in syyskuu (September, wortwörtlich der „Herbstmonat“) und syysloma („Herbstferien“).
Apropos Herbstferien: In Turku haben sie am Freitag begonnen und dauern eine Woche. Mir tun die Kids immer ein bisschen leid, weil der schönste Teil des Herbstes schon vorbei ist, wenn die Ferien anfangen. Aber gut – Ferien sollen ja der Ruhe und Erholung dienen, und dafür sind so ein paar trübe Oktobertage genau richtig.
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