Moi!
Tack-tack. Tack-tack. Der Schienenbus macht alle paar Sekunden einen kleinen Hüpfer. Die Gardinen in den Fenstern wiegen sanft hin und her. Hinter der Scheibe blitzt es blau auf. Dann, plötzlich, scheinen wir mitten durch den See zu fahren. Links und rechts Wasser. Nur ab und zu schiebt sich der dünne Stamm einer Birke ins Bild.
Ein bisschen verrückt bin ich ja schon. Statt es mir leicht zu machen und mich wie die Finnen einfach ins Auto zu setzen, habe ich mir in den Kopf gesetzt, Finnland mit Bahn und Bus zu erkunden. Jedenfalls, wann immer es geht – hin und wieder muss auch ich kapitulieren und zum Mietwagen greifen.
Finnland ist ein Autoland. Dabei ist Zugfahren in Finnland ein Vergnügen. Die Züge sind bequem und fast immer pünktlich. Die Strecken sind vielleicht nicht spektakulär, aber hübsch anzuschauen und herrlich entspannt. Und das Personal ist so herzlich, dass mir schon manches Mal die Tränen der Rührung in die Augen stiegen.
Und dann diese Nachtzüge.
Allein in Kemijärvi, einer Kleinstadt knapp über dem Polarkreis, machen sich jeden Tag neun Doppelstock-Schlafwagen mit je 38 Betten auf die Reise nach Helsinki, dazu Sitzwagen, Autotransportwagen und natürlich ein Speisewagen. Und das ist nur eine von vier Linien, die den Süden über Nacht mit Lappland verbinden. Kein Wunder, dass es Tickets oft noch kurzfristig und zum fairen Preis gibt.

Wo das Schienennetz endet, geht es mit dem Bus weiter. Wenn morgens einer der Nachtzüge in Rovaniemi ankommt, stehen die Busse schon bereit. Zum Skifahren nach Levi oder ins entlegene Inari – wohin, anders als der berühmte Film behauptet, keine Bahnstrecke führt.
Finnland hat es sogar geschafft, mein Bustrauma zu heilen.
Ich bin auf dem Dorf aufgewachsen. Ab der siebten Klasse musste ich täglich 25 Kilometer in die nächste Stadt zur Schule fahren. Da mir als Teenager im Bus ständig schlecht wurde, hat das ein paar Narben auf meiner Seele hinterlassen.
Als ich zum ersten Mal nach Finnland kam, wollte ich natürlich auch Lappland sehen. Und da Lappland erst anfängt, wo die Schienen aufhören, musste ich wohl oder übel in den Bus steigen.
Ich hatte Glück: Der Bus war leer, ich ergatterte einen Platz in der ersten Reihe. Vor mir nur der stille, gutmütige Busfahrer. Draußen der Schnee, die Weite, die Dunkelheit. Stunde um Stunde kurvten wir die endlosen Landstraßen entlang. Ich weiß heute noch, welche Musik ich damals gehört habe.
Inzwischen freue ich mich darauf, wenn nach dem Nachtzug nach Lappland noch eine lange Busfahrt folgt.

Es gibt aber auch eine andere Seite. Eine Seite, die kaum auffällt, wenn man als Tourist in Finnland unterwegs ist und seine Reise um Strecken und Fahrpläne herum planen kann.
Finnlands Schienennetz ist nicht nur dünn. Abseits der wenigen Hauptstrecken wird es auch äußerst spärlich befahren. Die Strecke nach Savonlinna, die auf dem Landrücken Punkaharju mitten durchs Wasser zu führen scheint, ist dabei sogar noch vergleichsweise gut aufgestellt. Immerhin sechsmal am Tag macht sich der Zug auf den Weg in die Stadt mit der berühmten Burg.
Zwischen Joensuu und Pieksämäki sieht es schon anders aus. Das eine vergleichbar mit einer Landeshauptstadt, das andere ein wichtiger Bahnknoten. Ganze zweimal täglich ist der klapprige Triebwagen hier unterwegs. Einmal am Morgen, einmal am Abend. Dazwischen: nichts. In Deutschland würde hier jede Stunde eine Regionalbahn fahren, vom Morgengrauen bis in die Nacht.
Dasselbe Bild zwischen Seinäjoki und Jyväskylä, auch nicht ganz unbedeutende Orte. Auch hier nur zwei Züge am Tag. Kein Wunder, dass die fast immer bis an die Ohren voll sind.
Oder nehmen wir Turku. Eine Stadt mit 200.000 Menschen. Von hier gibt es genau zwei Zugverbindungen, eine nach Helsinki, eine nach Tampere. Beides sind Fernzüge und halten nicht, bevor sie den Speckgürtel längst hinter sich gelassen haben. Regionalzüge? Fehlanzeige. Wer aus dem Umland pendeln will, schaut in die Röhre. Und steigt ins Auto.

Je länger ich in Finnland wohne, desto mehr wird mir eines klar: wie unfassbar gut der öffentliche Verkehr in Mitteleuropa ist. Und ja, auch in Deutschland. Etwas, das ich früher viel zu selbstverständlich genommen und überhaupt nicht wertgeschätzt habe.
Jedes Mal, wenn ich wieder auf Heimatbesuch bin, verstehe ich die Welt nicht mehr. Ist das wirklich die Bahn, über die alle so schimpfen? Ja, die Pünktlichkeit lässt zu wünschen übrig. Aber: Ich habe Alternativen! Statt über A kann ich über B oder C fahren. Und wenn mal ein Zug ausfällt, kommt in spätestens einer Stunde der nächste.
So ein Mobilitätsangebot habe ich in Finnland nicht. Vieles davon kann ich verstehen. In Finnland leben nun mal viel weniger Menschen, und die verteilen sich auch noch höchst ungleichmäßig. Anderes dagegen weniger. Etwa, warum nur zweimal am Tag ein Zug fährt und in Turku keine einzige Regionalbahn – obwohl es Gleise und Bahnhöfe gibt.
Mit Bahn und Bus durch Finnland zu reisen, ist wunderbar und beschwerlich zugleich. Beides kann gleichzeitig wahr sein. Das nennt man Ambivalenz.
Mitgliederdiskussion