Hej!

Als ich nach Finnland kam, bin ich in einem Teich gelandet. Nein, kein richtiger Teich. Gemeint ist mit ankdammen, dem Ententeich, etwas spöttisch der schwedischsprachige Teil der Bevölkerung.

Finnland ist ein Land mit zwei Amtssprachen: Finnisch und Schwedisch. Etwas über fünf Prozent der Menschen in Finnland haben Schwedisch als ihre Muttersprache. Sie heißen Finnlandschweden, was ein bisschen unglücklich ist, weil sie natürlich keine Schweden sind, sondern genauso überzeugte Finnen wie ihre finnischsprachigen Landsleute. Sie gucken nur ein bisschen mehr schwedisches Fernsehen.

Die Finnlandschweden verteilen sich nicht gleichmäßig über Finnland, sondern sind vor allem in den Küstengebieten zuhause: im Schärengarten von Turku, in der Region Nyland um Helsinki sowie in Österbotten, wo der Bottnische Meerbusen besonders schmal ist und Schweden besonders nah.

Dazu kommen noch die einsprachig schwedischen Åland-Inseln, die als autonome Region aber eine Sonderrolle haben.

Wer schon mal in einer dieser Ecken unterwegs war, dem dürften die zweisprachigen Schilder aufgefallen sein. Unter Helsinki steht dort auch Helsingfors, unter Turku Åbo, unter Tampere Tammerfors. Oder umgekehrt – an der Reihenfolge lässt sich ablesen, welche Sprache die mehrheitlich gesprochene in einer Kommune ist.

Du schon wieder!

Innerhalb der ohnehin schon kleinen finnischen Gesellschaft sind die Finnlandschweden eine winzige Welt für sich. Wenn zwei Finnischsprachige sich in der Sauna treffen, checken sie aus, welche gemeinsamen Bekannten sie haben. Treffen sich dagegen zwei Finnlandschweden, heißt es nur: Ah, du schon wieder!

Wer es darauf anlegt, kann sein ganzes Leben nur auf Schwedisch bestreiten. Es gibt kleine Fischerdörfer, in denen fast ausschließlich Schwedisch gesprochen wird. Es gibt schwedische Tageszeitungen, schwedisches Radio, schwedisches Fernsehen. Man kann auf Schwedisch zur Schule gehen, an der Uni studieren und seine Steuererklärung machen.

Ein Boot vor rote Holzhäusern
Mein Haus, mein Boot … Insel Iniö im Schärengarten

In der Praxis beherrschen aber die allermeisten Finnlandschweden beide Sprachen. Denn auch in offiziell zweisprachigen Städten wie Turku oder Helsinki kommt man im Alltag ohne Finnisch nicht weit.

Und umgekehrt?

Jedes Kind in Finnland lernt in der Schule die jeweils andere einheimische Sprache. Schwedischsprachige Kinder lernen Finnisch – und finnischsprachige Schwedisch. Theoretisch kann also jede Finnin und jeder Finne, die man auf der Straße trifft, Schwedisch.

Aber können und können sind zwei Dinge. Viele trauen sich nicht, Schwedisch zu sprechen, weil sie Angst haben, Fehler zu machen. Und einige wollen es auch ganz einfach nicht.

Man kann sich das zunutze machen: Wenn einem jemand auf der Straße etwas andrehen will, einen Handyvertrag oder eine Mitgliedschaft beim Roten Kreuz, grüßt man einfach freundlich und fragt: „Talar du svenska?“ Das heißt: Sprichst du Schwedisch? In den allermeisten Fällen wird die Antwort ein beschämtes Kopfschütteln sein, und man hat seine Ruhe.

Ein Land, zwei Sprachen

Das Verhältnis zwischen den beiden Sprachgruppen ist … kompliziert. Dass überhaupt Schwedisch in Finnland gesprochen wird, hat historische Gründe. Finnland war über 600 Jahre lang Teil des schwedischen Königreichs. Schwedisch war die Sprache der Herrschenden und Gebildeten, während die einfachen Leute Finnisch sprachen.

Es dauerte lange, bis Finnisch einen offiziellen Status erlangte. Von Mikael Agricola, dem Vater der finnischen Schriftsprache, über die ersten Romane auf Finnisch bis zur Epoche der Nationalromantik: Die Entwicklung einer eigenständigen finnischen Identität war eng mit der finnischen Sprache verknpüft.

Wie ein Bischof aus Turku die Finnen lesen lehrte
Es ist Freitag und du liest die Post aus Finnland. Heute: Über den Vater der finnischen Schriftsprache.

Interessanterweise waren es auch viele Finnlandschweden, die daran mitwirkten. Einige wechselten ihren Namen – aus Lindqvists wurden Virtanens, Järvinens und Mäkinens – und begannen zuhause Finnisch zu sprechen. Andere wiederum blieben beim Schwedischen. Im 19. Jahrhundert führte das zu einem erbitterten Sprachenstreit.

Erst nach der Unabhängigkeit wurde der Streit beigelegt. Die Zweisprachigkeit ist seitdem in der Verfassung verankert. Das Sprachengesetz sichert beiden Gruppen zu, ihre Angelegenheiten vor Behörden in ihrer Muttersprache zu regeln.

Heute dominiert Finnisch das öffentliche Leben auf allen Ebenen. Die Schwedischkenntnisse nehmen dagegen ab, und viele Finnlandschweden beklagen, dass sie im Alltag kaum noch Schwedisch sprechen können. Immer wieder flammt außerdem eine Diskussion um den Schwedischunterricht an den Schulen auf, der auf Finnisch oft Zwangsschwedisch genannt wird (komisch, von Zwangsmathe spricht niemand).

Trotzdem halten sich hartnäckig einige Vorurteile. Etwa, dass alle Finnlandschweden ein Segelboot haben, Golf spielen und sich im Spätsommer beim Krebsfest die Kante geben. Okay, das Letzte stimmt. Aber was Einkommen und Vermögen betrifft, gibt es längst keine nennenswerten Unterschiede mehr zwischen Finnisch- und Schwedischsprachigen.

Hausfassade mit Aufschrift Abo Stentryckeri Aktiebolag
Spuren des Schwedischen lassen sich in Turku überall finden

Zum Glück werden die Kämpfe längst nicht mehr so erbittert geführt wie einst. Mit jeder Generation wächst der Graben ein Stück weiter zu. Inzwischen gilt Schwedisch sogar wieder als cool – kaum ein hippes Café in Turku, das nicht mit einem schwedischen Namen eröffnet. Gleichzeitig machen sich Finnlandschweden in Sketchen und Fitness-Videos auf Social Media über ihr holperiges Finnisch lustig.

Und dann ist da natürlich noch die Gruppe KAJ, drei Jungs aus einem kleinen Dorf in Österbotten, die ausgerechnet den großen Bruder Schweden beim Eurovision Song Contest vertraten. Ganz Finnland war stolz – und nebenbei hat nun auch der Letzte in Schweden gemerkt, dass auch in Finnland Schwedisch gesprochen wird.

Meine Superpower

Aber wie bin ich denn nun im Teich gelandet? Mein Job als Wissenschaftler brachte mich nach Finnland, genauer gesagt an die Åbo Akademi, die einzige schwedischsprachige Universität außerhalb Schwedens. Meine Kollegen waren Finnlandschweden. Ganz wunderbare Leute, die ganz normale Dinge machen, die Finnen eben so machen – nur dass sie dabei hej sagen und tack statt kiitos.

Und nein, niemals würden sie Schweden beim Eishockey die Daumen drücken, denkt gar nicht erst dran …

Da Schwedisch eng mit dem Deutschen verwandt ist, habe ich es recht schnell gelernt. Es ermöglicht mir seitdem Teilhabe an der finnischen Gesellschaft. Ich verfolge die Nachrichten auf Schwedisch. Ich lese Bücher auf Schwedisch. Und im Kino retten mich die schwedischen Untertitel, wenn ich mal wieder nichts verstehe.

Einmal habe ich sogar ein Radiointerview auf Schwedisch gegeben. Auch wenn ich tausend Fehler gemachte habe, war das ein besonderer Moment. Zum ersten Mal fühlte ich mich: angekommen.

Schwedisch hat noch einen Vorteil: Es ist so etwas wie die Verkehrssprache der nordischen Länder. Wenn ich in Norwegen oder Dänemark unterwegs bin, praktiziere ich das nordische Modell: Ich sage etwas auf Schwedisch, mein Gegenüber antwortet auf seiner Sprache, und in der Regel verstehen wir uns wunderbar. In mir stirbt immer etwas, wenn zwei nordische Menschen Englisch miteinander sprechen.

Wenn ich mal wieder am Finnischen verzweifle, vergesse ich manchmal, dass ich ja schon eine der Landessprachen gelernt habe. Bescheuert eigentlich. Denn Schwedisch ist meine kleine Superpower.

Heute, am 6. November, feiern wir in Finnland den Tag der schwedischen Sprache und Kultur. Im ganzen Land wehen die Flaggen. Finnische, natürlich. Denn Schwedisch gehört zu Finnland wie Sauna und Seen.

Und wenn ihr mal wieder in Finnland unterwegs seid: Wagt doch auch mal den Sprung in den Ententeich.

Bis zum nächsten Mal
Sebastian 👋