Moi!

Jetzt ist es also raus: Finnland ist wieder glücklichstes Land der Welt, zum neunten Mal in Folge. Das hat der World Happiness Report der Universität Oxford ergeben, der vergangene Woche vorgestellt wurde.

Was in den ersten Jahren noch ungläubig bestaunt wurde, wird in Finnland inzwischen routiniert zur Kenntnis genommen. Ein klassischer Take geht so: Wenn wir auf Platz 1 stehen, muss das Leben in den anderen Ländern ganz schon lausig sein. Typisch finnische Selbstironie.

Ein bisschen stolz sind die Finnen insgeheim aber schon. Wie immer, wenn ihr kleines Land irgendwo im Ausland bemerkt wird. Inzwischen ist das Label „Glücklichstes Land der Welt“ aber auch ein wichtiger Marketingfaktor. Sollte Finnland irgendwann den Spitzenplatz verlieren – es könnte eine kleine nationale Krise auslösen.

Glücklich oder zufrieden?

Jahr für Jahr wird im Ausland gerätselt: Wie machen die Finnen das bloß? Ist es die Sauna? Das Eisbaden? Und überhaupt: Wie kann man glücklich sein, wenn alle objektiv messbaren Kriterien in eine ganz andere Richtung zeigen – Arbeitslosigkeit auf Rekordhöhe, lahmende Wirtschaft, erbarmungsloses Spardiktat der aktuellen Regierung.

Vergessen wir kurz die Klischees und schauen uns einmal an, was in diesem Glücksreport eigentlich genau gemessen wird. Tatsächlich beruht das Ranking auf einer einzigen Frage, die den etwa 1000 Probanden in jedem Land gestellt wird. Und die geht so:

Stell dir eine Leiter vor, deren Sprossen von unten 0 bis oben 10 nummeriert sind. Die oberste Sprosse der Leiter steht für das bestmögliche Leben für dich, die unterste Sprosse für das schlimmstmögliche Leben für dich. Auf welcher Sprosse der Leiter würdest du sagen, dass du dich persönlich derzeit befindest?

Vielleicht fallen dir zwei Dinge auf. Erstens handelt es sich um eine reine Selbsteinschätzung, wirtschaftliche Kenndaten etwa spielen höchstens indirekt eine Rolle. Und zweitens: Das Wort Glück kommt in der Frage gar nicht vor. Was tatsächlich gemessen wird, ist eher die Zufriedenheit der Menschen mit ihrem Leben.

Zufriedenheit hat viel mit den Enden der Leiter zu tun und wo ich sie verorte. Schiele ich ständig auf die Zehn? Oder bin ich froh, dass ich die unteren Stufen hinter mir gelassen habe?

Treppe führt zu einem See im Abendlicht
Die Glücksleiter könnte in einen finnischen See führen, wie hier im Salamajärvi-Nationalpark

Finnen neigen zur zweiten Option. Statt nach oben zu streben, sind sie mit dem zufrieden, was sie haben. Und das ist ja nicht wenig. Allen Widrigkeiten zum Trotz – Finnland wurde erst von Russland überfallen, saß dann lange zwischen den Stühlen von West und Ost, um dann nach der Wende durch eine tiefe Rezession zu gehen – haben sie einen modernen Wohlfahrtsstaat aufgebaut. Eine enorme Leistung.

Wohlstand und Frieden nehmen die Finnen nicht als selbstverständlich, die Erinnerung an schlechte Zeiten ist noch sehr präsent. Wenn sich etwa jemand beschwert, dass das Schulessen wieder nur vegetarisch war, könnte ein typischer Kommentar lauten: Glaubst du etwa, dass die Soldaten im Winterkrieg jeden Tag Fleisch zu essen hatten?

So freut man sich über die kleinen Dinge des Lebens. Eine schöne Dusche am Morgen oder dass die Vögel nach dem Winter wieder zwitschern. Das jedenfalls sagten Passanten der Zeitung Helsingin Sanomat in einer Umfrage. Ebenfalls genannt wurden: Gesundheit. Elternzeit. Ein soziales Netz.

Das bringt mich zum zweiten wichtigen Punkt.

Vertrauen ist alles

Finnland landet im aktuellen Ranking bei 7,8 von 10 Punkten – und damit nur knapp vor den nordischen Nachbarn Norwegen, Schweden, Dänemark und Island, die allesamt zwischen 7,2 und 7,5 rangieren. Zum Vergleich: Das Schlusslicht Afghanistan liegt bei 1,4 Punkten.

Man könnte also sagen: Es ist eigentlich die Familie der nordischen Länder, die das Ranking souverän anführt, und aus der Finnland nur gerade eben statistisch signifikant heraussticht.

Weg durch Felder führt auf rote Holzscheune zu
Was ist der Weg zum Glück?

Die nordischen Länder haben eines gemeinsam: Es handelt sich um High-Trust Societies, in denen sich dich Menschen nicht nur untereinander, sondern auch dem Staat vertrauen. Eine aktuelle Untersuchung zeigt, dass die Tendenz zwar rückläufig ist, viele staatliche Institutionen in Finnland aber immer noch hohes Vertrauen genießen. An der Spitze rangieren das Militär, der Staatspräsident und die Polizei.

Der Staat kann die Menschen nicht glücklich machen, aber er kann großes Unglück von ihnen abwenden. Ein Beispiel: Wer in Finnland seinen Job verliert, wird nicht an den Rand der Gesellschaft gedrängt, sondern bleibt wertgeschätztes Mitglied. In Turku werden Arbeitssuchende ermuntert, auf ihr geistiges und körperliches Wohlbefinden acht zu geben und erhalten Zugang zu allerlei kulturellen und sportlichen Aktivitäten.

Auch sonst bietet der Staat den Menschen viel. Kostenlose Bildung. Großzügige Elternzeit für beide Partner. Einen exzellenten öffentlichen Rundfunk. Bibliotheken, Sportstätten, Nationalparks. Die Finnen wissen das zu schätzen und, ja, zahlen dafür sogar gerne Steuern.

Der finnische Philosoph und Glücksforscher Frank Martela drückt es so aus:

Anstatt zu sagen: „Finnland ist das glücklichste Land der Welt“, wäre es treffender zu sagen: „Finnland ist das Land, in dem die geringste Anzahl an Menschen unglücklich ist.“

Ich finde das treffend und nah dran an dem, wie Finnen die Welt sehen. Deutschland hat sich übrigens im aktuellen Ranking von Platz 22 auf 17 verbessert. Ein kleiner Erfolg, über den man sich auch mal freuen kann. Oder was denkst du?

Bis nächste Woche
Sebastian 👋

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Und sonst?

Darüber spricht Finnland

Der World Happiness Report ist natürlich auch Thema in finnischen Medien. Der finnische Rundfunk Yle hat 18 Menschen in Finnland gefragt, welche Punktzahl auf der Glücksleiter sie ihrem Leben geben würden. Auffällig: Während deutsche Medien eher an der Oberfläche kratzen, wird in Finnland genauer auf die Methodik des Reports eingegangen, etwa auf der englischsprachigen Seite von Yle. Auch Svenska Yle, das schwedische Angebot, ist dem Glück auf der Spur und argumentiert, dass Finnen negative Gefühle und Ängste als Teil des Lebens zulassen können.

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Schon gewusst? Der finnische Rundfunk Yle betreibt Nachrichtenportale auf Finnisch, Schwedisch, Sámi, Englisch, Russisch, Ukrainisch und Karelisch. Außerdem gibt es täglich Nachrichten in einfacher finnischer und einfacher schwedischer Sprache.

Rauma-Film räumt ab

Am vergangenen Freitag wurde der Jussi verliehen, die finnischen Oscars. Großer Gewinner mit sieben Auszeichnungen war der Film Jossain on valo joka ei sammu, international vertrieben unter dem Titel A Light That Never Goes Out. Darin kehrt der Star-Flötist Pauli vom Leistungsdruck ausgebrannt in seine Heimatstadt Rauma zurück. Über seine alte Schulfreundin Iiris findet er langsam seine Leidenschaft zur Musik zurück. Eine tolle Liebeserklärung an das kauzige Rauma und die Freundschaft.

Ich habe den Film im Kino gesehen und er hat mich sehr berührt. Wenn du ihn irgendwo zu fassen kriegst: Unbedingt anschauen!

Wieder da: Das finnische Skispringen

Janne Ahonen, Matti Hautamäki, Risto Jussilainen – das erste Mal in Kontakt mit den so anders klingenden finnischen Namen kam ich, als ich als Kind Skispringen im TV sah. In den Neunzigern dominierte Finnland den Sport, Skispringer waren Nationalhelden (und einige stürzten nach der Karriere brutal ab). Doch dann folgte eine lange Durststrecke, das finnische Skispringen drohte in der Versenkung zu verschwinden.

Doch nun gibt es Hoffnung. Nach zwölf Jahren gelang Niko Kytösaho und Antti Aalto beim Heim-Weltcup in Lahti im Super-Team erstmals wieder der Sprung aufs Podium. Eine Woche später konnte Aalto in Oslo sogar noch sein erstes Einzelpodest nachlegen. Ein Gutes am Auswandern: Man kann im Sport zwei Ländern die Daumen drücken. Das Comeback des finnischen Skispringens hat mich jedenfalls genauso gefreut wie das Olympia-Gold von Philipp Raimund.

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Shout-out an der Stelle an Stefan Bier, den Skisprung-Kommentator des ZDF, der sich als einer der wenigen Mühe gibt, die finnischen Namen korrekt auszusprechen.

Wort der Woche

Revontulet – Nordlicht, Polarlichter, Aurora borealis

Am Wochenende tanzten sie wieder über Finnland: die Polarlichter. Ihr finnischer Name setzt sich zusammen aus repo, einem alten Wort für Fuchs, und tulet, dem Plural von Feuer. Auf Finnisch sind Polarlichter also Fuchsfeuer. Poetisch, oder? Der Name kommt vom mystischen Feuerfuchs, der der Sage nach durch die Nacht zieht und mit seinem Schwanz Funken sprüht.

Oh, warum aus dem p ein v wird? Tja, das ist eine dieser kleinen Gemeinheiten der finnischen Sprache, in der Buchstaben plötzlich verschwinden oder sich verwandeln. Aber das erzähle ich dir in einer der nächsten Ausgaben der Post aus Finnland.