Moi!

Gestern wehten in Finnland mal wieder die Flaggen. Ein Flaggentag, von denen es hier gut zwei Dutzend im Jahr gibt. Am 9. April gedenken die Finnen ihrem großen Lehrmeister: Mikael Agricola.

Mikael wer …?

Mikael Agricola wurde irgendwann um 1510 als Bauernsohn im Südosten Finnlands geboren. Viel mehr wissen wir über seine frühen Jahre nicht. Nicht einmal, wie er aussah. Die heutigen Bildnisse und Statuen sind allesamt der Phantasie der Künstler entsprungen.

Bekannt ist dagegen: Agricola wuchs mit zwei Sprachen auf. Da war Schwedisch, die Sprache von Verwaltung und Oberschicht, denn Finnland gehörte damals zum schwedischen Reich. Und Finnisch, die Sprache der einfachen Leute. Die Finnen brachten sie mit, als sie vor ein paar tausend Jahren aus dem Osten nach Nordeuropa kamen.

Finnisch war eine Sprache ohne Schrift. Sie wurde nur gesprochen und war in viele regionale Dialekte zerfasert.

Bis Mikael Agricola kam.

Finnlands Luther

Agricola ließ sich in Viipuri zum Priester ausbilden. Bald darauf kam er nach Turku, damals das geistige und kulturelle Zentrum Finnlands, und begann als Sekretär des Bischofs zu arbeiten.

Als überzeugter Reformator fand Agricola: die Bibel sollte man in seiner Muttersprache lesen und verstehen können. Also begann er, das Neue Testament ins Finnische zu übersetzen. Dabei orientierte er sich vor allem am Dialekt rund um Turku und legte den Grundstein für das, was heute als Standardfinnisch (kirjakieli) bekannt ist.

Haus mit finnischer Flagge am Vanha Suurtori in Turku
Gestern wehten wieder die Flaggen in Finnland. Und ja, es war schönes Wetter

Moment, ein Theologe, der die Bibel übersetzte und dadurch eine Schriftsprache schuf?

Das erinnert nicht zufällig an Martin Luther, der dasselbe zuvor für das Hochdeutsche getan hatte. Agricola war für einige Jahre nach Wittenberg gekommen, um bei Luther zu studieren. Eine dieser vielen kleinen Verbindungen zwischen Deutschland und Finnland.

Zurück in Turku wurde Agricola bald klar, dass niemand seine Werke würde lesen können. Also gab er 1543 erst einmal das ABC-kiria heraus, eine kleine Fibel mit dem Alphabet, Schreibübungen und Gebeten. Es war das erste Buch in finnischer Sprache.

Ein paar Jahre später folgte dann sein Hauptwerk: Se Wsi Testamenti, das Neue Testament. Die Rechtschreibung war noch etwas anders als im heutigen Finnisch. Einen Eindruck davon bekommst du in diesem fiktiven Interview, dass das finnische Sprachinstitut zum Agricola-Tag veröffentlicht hat.

Die Sache mit dem Löwen

Beim Übersetzen der Bibel stieß Agricola immer wieder auf Begriffe, für die es keine finnische Entsprechung gab – weil sie schlicht für ein Volk von Jägern und Sammlern im Norden keine Bedeutung hatten.

Also erfand er neue Wörter.

Viele davon sind bis heute in Gebrauch: hallitus („Regierung“), esikuva („Vorbild“) oder omatunto („Gewissen“).

Eingang Akatemiatalo / Akademihuset in Turku
Finnland ist ein Land mit zwei Sprachen

Bei anderen hatte er weniger Erfolg. Den Löwen etwa nannte er jalopeura, wörtlich „edler Hirsch“. Man kann es ihm kaum verübeln, in Finnland hatte zu dieser Zeit wohl noch niemand einen Löwen gesehen. Später setzte sich leijona durch, ein Lehnwort aus dem Schwedischen (lejon), das wiederum auf das lateinische leo zurückgeht.

Über die Jahrhunderte fanden immer mehr Wörter aus benachbarten Sprachen ihren Weg ins Finnische, so dass man heute grob zwei Gruppen unterscheiden kann: die alten, urfinnischen Wörter wie kala („Fisch“), kivi („Fels“), kesä („Sommer“) oder lumi („Schnee“). Wörter, die für unsere Ohren so ungewohnt klingen.

Und dann sind da die neuen Wörter – Begriffe wie posti („Post“), bussi („Bus“) oder apteekki („Apotheke“), bei denen man sich denkt: Och, so schwer ist das mit dem Finnisch ja doch nicht.

Liebe zum Lesen

In seinen späteren Jahren wurde Agricola Rektor der Kathedralschule in Turku, Finnlands ältester Schule, und 1550 schließlich selbst Bischof.

Mikael Agricola starb am 9. April 1557. Da sein Geburtstag nicht bekannt ist, feiert Finnland seinen Todestag als Mikael-Agricola-Tag. Es ist gleichzeitig auch der „Tag der finnischen Sprache“.

Rotes Gebäude der Katedralskolan und im Hintergrund der Dom von Turku
Kathedralschule und Dom in Turku, hier wirkte Mikael Agricola

Dass dann im ganzen Land die Flaggen wehen, ist nur angemessen. Durch die Schriftsprache öffnete Agricola den Weg zu Bildung und Wohlstand. Und nicht zuletzt durch eine vereinheitlichte Sprache konnte sich überhaupt ein Nationalgefühl entwickeln, das ein paar hundert Jahre später zur Unabhängigkeit Finnlands führen sollte.

Die Liebe zum Lesen und den Büchern ist bis heute allgegenwärtig in Finnland. Die Bibliotheken sind das Herz jeder finnischen Stadt und werden liebevoll gepflegt. Kein Wunder, dass die Finnen zu den eifrigsten Lesern in Europa zählen und die finnische Literaturszene, ihrer kleinen Größe zum Trotz, so lebendig ist.

Und ich bin überzeugt: Dass die Finnen so viel lesen, sich Zeit nehmen, die Dinge zu durchdringen und die Welt zu verstehen, ist vielleicht auch ein Grund, warum sie so zufrieden sind.

Wie wär’s: Schnapp dir am Wochenende doch mal wieder ein Buch. Oder um es mit den Worten von Mikael Agricola zu sagen:

Schau, lies, suche und forsche,
es wird deinen Augen nicht schaden

Bis nächste Woche
Sebastian 👋

P.S.: Die finnische Sprache ist ein Riesenthema, auch für mich persönlich. Darum werde ich in der Post aus Finnland immer wieder darüber schreiben.

Noch nicht mit an Bord? Hier abonnieren!


Und sonst?

Reise-Wortschatz Finnisch

Der finnischen Sprache zu Ehren habe ich einen kleinen Reise-Wortschatz Finnisch für dich zusammengestellt. Darin findest du die wichtigsten Wörter und Phrasen, die dir auf Reisen durch Finnland wirklich begegnen können. Dazu gibt es ein wenig Kontext sowie Tipps zur Aussprache.

Kleiner Reise-Wortschatz Finnisch
Hier sind Wörter und Phrasen, die dir bei einer Finnlandreise wirklich begegnen können.

Ein Jahr vor der Wahl

Ein Jahr vor den nächsten Parlamentswahlen in Finnland liegt weiter Wechselstimmung in der Luft. In der neuesten Wahlumfrage liegen die Sozialdemokraten (SDP) klar in Führung, die Rechtspopulisten (Perussuomalaiset) rutschen dagegen auf den vierten Platz ab. Zu den Gewinnern der letzten Monate gehört das Linksbündnis (Vasemmistoliitto), das in den Umfragen stabil über 10 Prozent liegt.

Die aktuelle Regierung von Ministerpräsident Petteri Orpo hat den Finnen ein striktes Sparprogramm auferlegt und ist so unpopulär wie kaum eine Regierung zuvor.

Holt Finnland den ESC?

Gut einen Monat vor dem Eurovision Song Contest bleibt Finnland der größte Favorit auf den Sieg. Der Beitrag mit dem etwas sperrigen Titel Liekinheitin (zu deutsch „Flammenwerfer“), eine Zusammenarbeit der Violinistin Linda Lampenius mit dem Sänger Pete Parkkonen, ist eine Powerballade mit Drama und viel Pyrotechnik. Aktuell wird noch geprüft, ob Lampenius entgegen der Regeln des ESC ihre Geigenparts live spielen darf.

In einer Kolumne auf Svenska Yle erklärt die langjährige ESC-Kommentatorin Eva Frantz, warum es diesmal wirklich klappen könnte – und warum Finnland den Sieg verdient hätte.

Weniger Wein, mehr Bier

Der Pro-Kopf-Konsum von Alkohol geht in Finnland seit Jahren stetig zurück. Eine Steuererhöhung hat nun dazu geführt, dass der Verkauf von Wein in den Läden der staatlichen Alkoholkette Alko im ersten Quartal um sechs Prozent eingebrochen ist. Im Gegensatz dazu stieg der Bierabsatz um 45 Prozent. Auch alkoholfreie Getränke verzeichnen mit einem Plus von 40 Prozent ein deutliches Wachstum.

Gesunde Sauna

Die Finnen wussten es längst, nun hat es die Wissenschaft noch einmal bestätigt: Sauna ist gesund. Ein Bad im heißen Saunadampf erhöht die Zahl weißer Blutkörperchen – und zwar auf schonende Weise, ohne Entzündungswerte zu erhöhen. Das zeigt eine Studie der Universität Turku und der Universität Ostfinnland. Saunabaden hat demnach einen ähnlich positiven Effekt wie Sport.

Und noch eine gute Nachricht: Je häufiger, desto besser. Einmal pro Woche gilt als sinnvolles Minimum, sagen die Autoren der Studie. Zwei bis vier Mal pro Woche seien ideal.

Wort der Woche 💬

bastu (schwedisch) – die Sauna

Apropos Sauna: Es ist eines der wenigen finnischen Wörter, das alle Sprachen der Welt kennen. Fast alle. Denn auf Schwedisch, der anderen Amtssprache Finnlands, gibt es einen eigenen Begriff: bastu. Ein Kofferwort aus bad („Bad“) und stuga („Hütte“). Wer möchte nicht in einer kleinen Badehütte sitzen und zur Abkühlung in den See springen?

Du kennst das Wort vielleicht aus dem Song „Bara bada bastu“, mit dem die finnische Band KAJ letztes Jahr beim ESC antrat – für Schweden.